„Louis Lowy –Sozialarbeit unter extremen Bedingungen. Lehren aus dem Holocaust“ | Eine Rezension von Prof. Dr. Peter Bünder

Lorrie Greenhouse Gardella: Louis Lowy – Sozialarbeit unter extremen Bedingungen. Lehren aus dem Holocaust

Lorrie Greenhouse Gardella: Louis Lowy – Sozialarbeit unter extremen Bedingungen.
Lehren aus dem Holocaust. Deutsch von Constanze Lehmann.
Freiburg 2019: Lambertus Verlag. 224 Seiten. ISBN: 978-3-7841-3117-7. D: 25,00 EUR.

Dieses Buch behandelt das Leben und Werk des deutsch-amerikanischen Sozialarbeiters und Sozialwissenschaftlers Louis Lowy (ursprünglich: Löwy). Es basiert im Kern auf einem narrativen Interview, welches Louis Lowy in den Jahren 1990-91 in neun Sitzungen über insgesamt 16 Stunden Aufnahmezeit aufzeichnen ließ, um zu erläutern, weshalb seine Erfahrungen während des Holocaust dazu führten, dass er ein Sozialarbeiter wurde. Es wurde 2011 im Original unter dem Titel „The Life and Thought of Louis Lowy; Social Work through the Holocaust“ in Amerika veröffentlicht. Durch das Engagement der im Jahr 1993 gegründeten deutschen „Gesellschaft für Social Groupwork e.V.“ war es möglich, dieses Werk nun auch in deutscher Sprache zu veröffentlichen. Dem Fachverband, der die Methode der Sozialen Gruppenarbeit in Theorie, Ausbildung und Praxis fördert, war es ein großes Anliegen, die Bedeutung und die Verdienste des „Groupworkers“ Louis Lowy wieder einer breiteren Fachöffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Die Autorin, Lorrie Greenhouse Gardella ist Sozialwissenschaftlerin am Department of Social Work der Southern Connecticut State University in New Haven/USA.

Neben einem Vorwort von Klaus-Martin Ellerbrock, Präsident der „Gesellschaft für Social Groupwork e.V.“, einer inhaltlichen Einleitung, einer Danksagung und einem Nachwort durch die Autorin Greenhouse Gardella, sowie einem abschließenden Epilog von Joachim Wieler von der FHS Erfurt, gliedert die Autorin ihren Beitrag zum Leben und Werk von Louis Lowy in insgesamt acht Kapitel:

1 Eine europäische Kindheit
2 Das Ghetto Theresienstadt
3 Flucht aus Auschwitz
4 Der Sozialpolitiker
5 Louis und Ditta
6 Das Displaced-Persons-Lager Deggendorf
7 Der Werdegang eines Sozialarbeiters
8 Ein Lebenswerk

Ein Literaturverzeichnis sowie historische schwarz-weiße Fotos und Abbildungen illustrieren das Buch und visualisieren einzelne Aspekte.

Louis Lowy wurde 1920 in München als einziges Kind seiner jüdischen Eltern geboren und starb 1991 in Boston/USA. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde er und seine Familie als Juden verfolgt und drangsaliert. Dank seiner Anstrengungen als 15-jähriger Jugendlicher gelang es ihnen, 1936 nach Prag auszuwandern. Louis Lowy studierte dort dann später an der Karls-Universität Erziehungswissenschaft und schloss das Studium als Lehrer ab. 1941 wurde er schließlich im Zuge der Verschärfung des nationalsozialistischen Terrors mit seinen Eltern in das Ghetto Theresienstadt eingeliefert. Zusammen mit seiner damaligen Verlobten und späteren Frau Edith „Ditta“ Jedlinski wurde er 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz verbracht. Während seine Eltern in Theresienstadt starben, gelang es Louis und Ditta aufgrund glücklicher Umstände, Auschwitz auf getrennten
Wegen zu überleben. Im „Displaced Persons Camp“ der Vereinten Nationen im bayerischen Deggendorf kamen sie wieder zusammen. 1946 wurde ihm ermöglicht, mit seiner Frau nach Boston/USA auszuwandern. Er studierte ab 1947 Sozialarbeit, schloss 1951 mit einem „Master of Socialwork“ ab und arbeitete viele Jahre engagiert als Sozialarbeiter. Ab 1957 war er zuerst als Sozialwissenschaftler an der „Boston School of Socialwork“ tätig, später hier auch als Professor. Bis zu seinem Tod im Jahr 1991 war er auch immer wieder als gefragter Experte für Soziale Arbeit in Deutschland engagiert.

Das erste Kapitel gibt wieder, wie sich die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen von Louis Lowy und seiner Familie vollzogen. 1933 ermöglichte ihm sein Vater, nach England auszureisen. Aus großer Sorge um seine inzwischen sehr kranken Eltern kehrte er 1936 zurück und sorgte dafür, dass die Familie nach Prag umziehen konnte. Es wird hier eindrücklich ausgeführt, was Lowy am Ende seines Lebens als wichtige Lernerfahrungen für sein Leben aus der Zeit des Faschismus festgehalten hat.

Im zweiten Kapitel wird die damalige Situation im „Ghetto Theresienstadt“ dargestellt als ein Ort, in dem – ursprünglich für 7.000 Soldaten errichtet – bis zu 50.000 Juden aus West- und Osteuropa dahinvegetierten. Von den jüdischen Verwaltern des Ghettos erhielt Lowy zuerst die Möglichkeit, sich als Jugendleiter um 30 Jugendliche zu kümmern. Edith „Ditta“ Jedlinsky war 15 Jahre alt, als sie hier 1942 Louis kennenlernte. Von Juni 1943 bis Juni 1944 entwickelte Lowy ein umfassendes Kulturprogramm für die Jugendlichen im Ghetto. Er spielte dabei eine sehr wichtige Rolle bei den sog. „jungen Zionisten“, die durch ihre Betreuungen einen wichtigen Beitrag für den sozialen Zusammenhalt boten.

Im dritten Kapitel bekennt Lowy, dass er das, was er und alle Leidensgenossen in den Lagern in Auschwitz und Birkenau erlebten, nicht in Worte fassen könne. Dennoch wird sehr eindrücklich dargestellt, welche Auswirkungen der Verlust des Selbst (S. 72f.), Vernichtung durch Arbeit (S. 76f.), Todesmarsch (S. 79f.) sowie die Befreiung (S. 82f.) für ihn hatten. Es gelang ihm, zwischen Januar und Mai 1945 eine Gruppe von Jugendlichen aus einem Versteck in Auschwitz bis nach Bukarest und zurück nach Prag zu bringen.

Das vierte und später sechste Kapitel zeichnet Lowys Rolle als „Sozialpolitiker“ im „Displaced Persons Lager“ Deggendorf in Niederbayern. Der erste Direktor, der amerikanische Jude Carl Atkin, ernannte Louis Lowy aufgrund seiner Sprachkenntnisse und seines Organisationstalents zum Leiter bzw. Lagerverantwortlichen. Auf der Basis seiner Erfahrungen in Theresienstadt gelingt es ihm gemeinsam mit anderen, eine befriedigend arbeitende Selbstverwaltung aufzubauen. Als im Oktober 1945 die erste Wahl eines jüdischen Komitees durchgeführt wird, wird Louis mit sehr großer Mehrheit zum Vorsitzenden gewählt. Er realisiert mit großem Einsatz eine Großküche, Krankenstation, Kindergarten und Schule, Synagoge, Sprachkurse und viele kulturelle Veranstaltungen.

Das eingeschobene fünfte Kapitel skizziert die Beziehung von Louis und „Ditta“, wie sie zusammenkamen, im Mai 1944 getrennt wurden, sich schließlich 1945 wiederfanden und am 2. Dezember 1945 in Deggendorf heirateten. Dieses Kapitel basiert überwiegend auf den späteren Schilderungen von Ditta.

Im siebten Kapitel wird unter der Überschrift „Werdegang eines Sozialarbeiters“ die berufliche Entwicklung von Lowy nachgezeichnet. Anschaulich wird dargestellt, wie er – anfänglich in jüdischen Einrichtungen – über die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zur Erwachsenenarbeit und schließlich an die Hochschule kommt. Als ein Beispiel für die späteren Wirkungen von Lowy in Deutschland wird der Aachener Sozialwissenschaftler Heinz J. Kersting (1937 – 2005) zitiert, der 1967 Schüler bei Lowy in der Akademie für Jugendfragen in Münster war (S. 180).
Das achte Kapitel fasst nochmals komprimiert das Lebenswerk von Louis Lowy auf wenigen Seiten zusammen. Herausgestellt werden die Bedeutung des Wertes von Menschen bzw. deren Selbstbestimmung, von sozialer Partizipation und Lernprozesse in seiner Arbeit.
In einem kurzen Nachwort geht dann die Autorin nochmals auf die große Bedeutung der Sozialarbeit mit Geflüchteten und sog. Displaced Persons ein. Dabei wird deutlich, dass hier nicht nur von historischen Bezügen die Rede ist, sondern sehr wohl auch die aktuelle Problematik heutiger Flüchtlinge angesprochen ist.
In einem abschließenden Epilog thematisiert Joachim Wiehler seinen Standpunkt, dass sein Beitrag keinesfalls ein Schlusspunkt, sondern vielmehr ein Aufruf sein soll, dass sich die Professionen der Sozialen Arbeit wieder verstärkt dieser speziellen „Erinnerungsarbeit“ stellen sollen, damit es weiter gelingen kann, in neuen Diskursen tatsächlich aus der Vergangenheit zu lernen.
Mit der Lebens- und Arbeitsgeschichte von Louis Lowy, eines außergewöhnlichen Menschen, legt Lorrie Greenhouse Gardella ein beeindruckendes Werk vor. Dieser Überlebende des Holocaust hat durch seine Tätigkeit in der Sozialarbeit und speziell als „Group Worker“ und Gemeinwesenarbeiter vorbildlich vorgelebt, was Menschen in extremen Belastungssituationen helfen kann, ihren Selbstwert und ihre Selbstwirksamkeitsüberzeugung trotz widrigster Umstände nicht vollständig zu verlieren, wenn es andere Menschen gibt, die helfend zur Seite stehen.

In diesem Sinne ist zu wünschen, dass dieses Buch in möglichst viele Hände von Praktiker*innen und Studierenden der Sozialen Arbeit kommen wird, weil es auf eine beeindruckende und ermutigende Weise aufzeigt, wozu tätige Sozialarbeit sehr wichtig sein kann.

Rezensent:
Prof. Dr. Peter Bünder Dipl.-Sozialarbeiter / Dipl.-Pädagoge Prof. i.R. für das Fach Erziehungswissenschaft an