Irritation nach Plan

Irritation nach Plan – Von Unterschieden, die einen Unterschied machen
(Angeregt durch einen Workshop im Rahmen der Methodenwerkstatt der IASWG)

„Wenn etwas funktioniert, mach mehr davon!
Wenn etwas nichtfunktioniert, mach etwas Anderes!“
Steve de Shaizer

Einleitung
Was ich in diesem Beitrag anbiete, ist nichts neues und auch keine Lösung für jedwedes Anliegen in der Beratung oder der Gruppenarbeit. Mir geht es in erster Linie darum, die Grundweisheit des systemischen Arbeitens, dass wir unsere Welt aus Unterscheidungen konstruieren und die Veränderung der Wirklichkeit durch neue Unterscheidungen geschieht, konsequent mit der Einsicht der Autopoiesis zu verbinden, dass lebende Systeme äußere Impulse durch Anschluss an eigene innere Operationen verarbeiten. Das führt üblicherweise zu Mustern. In diesem Kontext ist Veränderung nur möglich, wenn die gewohnte Verarbeitung gestört, bzw. verstört wird. Dann muss sich das System neu orientieren und aus den bekannten Mustern aussteigen. So gesehen müssen neue Unterscheidungen, die Veränderung ermöglichen sollen, zur Irritation des Systems führen.
Mit diesem Workshop möchte ich mich auf struktureller Ebene der Frage nähern, wie wir Unterscheidungen einführen können, die Unterschiede machen. Der Inhalt der Unterscheidungen ist dabei sekundär.

Am Anfang war das Wort… – Oder: Woraus bestehen Wirklichkeitskonstruktionen?
Ganz allgemein brauchen wir als erstes Unterscheidungen. „Draw a distinction and you create a universe“, sagte Spencer Brown. Dabei ist gemeint, dass jede Unterscheiddung implizit beide Seiten der Unterscheidung enthält. Dunkel ist nicht zu verstehen ohne die Abgrenzung zu hell. Laut nicht ohne Leise oder Stille. Heiß nicht ohne kalt. Darüber hinaus beinhaltet jede Unterscheidung auch ihre Negation – also Heiß versus Nicht-Heiß, Dunkel versus Nicht-Dunkel. Das beinhaltet mehr als nur das genaue Gegenteil, nämlich alles Unterscheidbare und nicht-Unterscheidbare, das nicht-heiß, nicht-dunkel ist.
Aber wenn es hier um Verstehen geht, ist auch klar, dass diese Unterscheidungen nicht ohne einen Beobachter gemacht werden können, der sie trifft. Also jede Beobachtung wird durch einen Beobachter gemacht und setzt diesen voraus.

Vom Konstruieren und Um-Konstruieren
Wenn wir davon ausgehen, dass Wirklichkeit ein Konstrukt ist, können wir dieses Konstrukt auch umkonstruieren. Hierfür müssen wir aber den markierten Raum der Beschreibung verlassen und die andere Seite der Unterscheidungen in die Beobachtung mit einbeziehen. Wir gehen also quasi in eine Meta-Position, aus der heraus wir beobachten wie wir beobachten (Beobachtung der Beobachtung oder Kybernetik zweiter Ordnung). Damit kreuzen wir ständig die Grenze der Unterscheidung vom markierten Raum in sein Gegenstück und zurück, was Brown als „re-entry“ bezeichnet.

„Nach dem Kontakt mit dem Re-Entry (Die Beobachtung der Beobachtung – Anmerkung KME) markieren diese drei Auswege aus dem Unterscheidungs- bzw. Beobachtungsparadoxe die wesentlichen Strukturierungsleistungen, die im operativen Sinngeschehen erbracht werden: Beobachter verleihen der Welt, bzw. Ausschnitten der Welt Sinn, indem sie ihr bzw. ihnen zeitliche, sachliche und soziale Unterscheidungen zumuten und sie so als Form sinnhaft identifizierbar machen. Nichts und Niemand schützt aber die Sinnsetzungen davor, mit den anderen Seiten der Bezeichnungen, den Alternativen der gewählten Unterscheidungen oder gar mit dem ‚unmarked space’, in den aller Sinn gepflanzt ist, konfrontiert zu werden. Die ketzerische Frage, die alle Beschreibungen befallen kann, lautet: „Warum so und nicht anders?“ Sie wird die Beobachter nach der Kontamination mit Spencer Browns Formenkalkül und dem re-entry nicht mehr verlassen, egal, mit welchem Aufwand, welchem Einsatz, welcher Überzeugungs- und Suggestivkraft sie sich auch aus der Paradoxie herauszuarbeiten versuchen. Ihre Konstruktionen gründen in der Dunkelheit des Tunnels, aus der heraus sie ihre ‚Imaginationen’ schöpfen.“

Erzählen – Erklären – Bewerten – Schlussfolgern
Beobachtungen sind also Unterscheidungen, Informationen, Erzählungen, Geschichten. Die konstruierte Wirklichkeit besteht also in Geschichten, die wir uns und einander erzählen.
Nun können wir Geschichten so oder so erzählen. Es stellt sich also die Frage, was in die Erzählung aufgenommen wird und was nicht. Schließlich setzen wir die Elemente der Geschichte zueinander in Beziehung. Aus einer bloßen Gleichzeitigkeit oder Abfolge von Ereignissen, Phänomenen, machen wir Kausalitäten. Auch wenn unsere Sprache mit Worten wie „weil“ und „deshalb“ oder „deswegen“ im Wortsinn nur die Gleichzeitigkeit beschreibt, leiten wir aus dem gleichzeitigen Auftauchen von Phänomenen Ursachen und Wirkungen ab. Wir isolieren das Phänomen aus seinem Kontext und der Komplexität der zirkulären Welt und reduzieren die Beziehung auf eine lineare Beziehung, in der das eine Element zur Ursache und das andere Element zur Folge, Wirkung, Konsequenz erklärt wird. Damit erklären wir die Wirkungen in der Wirklichkeit und begründen, warum die Geschichte so und nicht anders passiert ist (respektive von uns so und nicht anders konstruiert wird). Im Weiteren leiten wir daraus ab, was wir selbst nun zu tun haben, was wir weiter zu erwarten haben usw. – also ziehen Schlussfolgerungen.
Schließlich bewerten wir die Phänomene, Ereignisse und Interaktionsbeiträge. Erst dieser Schritt setzt uns in die Lage, Entscheidungen für unser eigenes Verhalten zu treffen. Erst in der Kombination von Erklärungen/ Begründungen und Bewertungen können wir Sinnzusammenhänge und damit letztlich auch Sinn schaffen, bzw. geben.

Der Geschichtenbaukasten besteht aus dem bisher bekannten
Was ist aber der Hintergrund für unsere Leistung der Unterschiedsbildung, der Erklärung/Begründung, der Bewertung?
Auf dem Konzept der Autopoiesis basierend gehen wir davon aus, dass alle Handlungen und Äußerungen an interne Operationen des (lebenden) Systems anschließen. Somit sind lebende Systeme ebenso wie soziale Systeme nicht von außen determinierbar. Gleichwohl sind lebende und soziale Systeme ja nicht unveränderbar. Sie sind jeweils strukturell mit ihrer Umwelt gekoppelt und nehmen Impulse durchaus auf. Ihre Verarbeitung geschieht aber intern im Anschluss an jeweils vorherige interne Operationen. Die zielen darauf, dass sich das jeweilige System reproduzieren kann. Dabei sind die verwendeten Konstruktionen darauf gerichtet, den Rahmen, in dem sich das System als existent definiert, bestätigt wird und gleichzeitig, dass es in diesem handlungsfähig/lebensfähig bleibt. Informationen, die von außen angeboten werden, werden also so verarbeitet/umkonstruiert, dass sie diesem Ziel dienen können. Eine Beeinflussung oder besser Anregung solcher Systeme ist also nur in der Form möglich, dass von außen Irritationen gesetzt werden, die das jeweilige System veranlassen, nicht in bereits bekannten Mustern zu reagieren, sondern sich neu zu orientieren – neu zu organisieren. Es sei angemerkt, dass Veränderung nicht als grundsätzlich positiv zu bewerten ist. Bei einigermaßen gleichbleibenden Rahmenbedingungen bedeutet Handeln im Anschluss an bisherige Operationen, also quasi Erfahrungshandeln und damit ein Erfolgsmodell. Wenn aber die Wahrnehmung durch die Wiederholung des bisherigen zu stark eingeschränkt wird und Veränderung im Kontext nicht mehr als Information aufgenommen werden können, wird die Irritation dieser Muster zur Existenzfrage. Wer nur einen Hammer hat, sieht möglicherweise die ganze Welt als Nagel.

Daher sprechen wir nicht mehr von Interventionen – Dazwischenkommen. Ein Dazwischenkommen ist in diesem Sinne nicht möglich. Impulse und Einladungen können gegeben werden, wie sie vom jeweiligen System verarbeitet werden, entscheidet letztlich das jeweilige System selbst.

Was ist nun ein Problem? Wie ist es konstruiert, damit es als Problem überhaupt Bestand hat?

Das Problem mit dem Problem:
Wir sprechen davon, dass jemand ein Problem „hat“. Damit verdinglichen wir das Phänomen des Problems. So als existiere ein Problem an sich, als könne ein Problem unabhängig von konkreten Personen bestehen.
Ein Problem kann jedoch nur dann entstehen, wenn sich mindestens eine Person zu einem Problem, also dem Phänomen, in Beziehung setzt. Es bedarf also immer eines Beobachters, der ein Phänomen als Problem konstruiert. Wie diese Konstruktion beschaffen sein muss, dazu kommen wir später. Im ersten Schritt geht es darum, die Konstruktion von Wirklichkeit zu betrachten. Ich spreche von Wirklichkeit, weil es dabei um die Beziehung der Phänomene, Ereignisse und Personen geht. Es geht nicht um Wahrheiten oder Fakten, sondern um Konstrukte und ihre Wirkungen.

Ein Problem existiert niemals an sich! Es kann immer nur in Beziehung jemandes zu einem Phänomen bestehen. Die Beschreibung eines „Problems“ als das (eigentliche) Problem stellt eine Entpersonalisierung und Externalisierung dar. Damit wird der Träger des „Problems“ zu dessen Opfer.

Damit ein Problem als solches überhaupt bestehen kann, bedarf es einiger Zutaten/Bedingungen:

  1. Differenz zwischen Ist und Soll
    Die Trägerin des Problems muss einen angestrebten Zustand als besser empfinden als ihren aktuellen. Es muss einen Unterschied zwischen dem aktuell empfundenen Zustand und dem angestrebten geben.
  2. Sehr negative Bewertung des Ist
    Wie in a) schon erwähnt, muss der aktuelle Ist-Zustand abgewertet werden, damit der angestrebte Zielzustand höher bewertet und damit attraktiver werden kann.
  3. Wunsch nach Erreichen des Solls
    Die Attraktivität des Soll-Zustands als solches macht aber noch kein Problem, wenn dieser nicht angestrebt wird. Wenn jemand also sagt, „das ist ein schöner Traum, den ich mir nicht kaputt machen möchte, indem ich ihn Wirklichkeit werden lasse“, dann wird er damit kein Problem konstruieren können. Das Anstreben des Solls ist also eine Bedingung für die Konstruktion eines Problems und sei es nur, die starke Sehnsucht nach dem Soll-Zustand.
  4. Hindernis von Ist zu Soll zu kommen
    bzw. Versuche, das Soll zu erreichen, die nicht dort hinführen
    Wenn aber ein Soll-Zustand angestrebt wird, dessen Erreichung sich nichts in den Weg stellt, dann handelt es sich allenfalls um eine Aufgabe. Wenn ich also lieber in Hamburg wäre als in Köln, wir das notwendige Geld für die Fahrkarte zur Verfügung steht, die Deutsche Bahn auch tatsächlich eine funktionierende Verbindung anbietet und ich nicht unter dem Einfluss von irgendwelchen Faktoren, die die Umsetzung meines Plans behindern, stehe, gibt es kein Problem. Es gibt nur die Aufgabe, sich eine Verbindung herauszusuchen, eine Fahrkarte zu kaufen und den Zug zu besteigen.
    Erst wenn ich z.B. eine nicht auflösbare Verpflichtung zum Bleiben habe, habe ich ein Problem in Köln bleiben zu müssen, obwohl ich viel lieber in Hamburg seien würde.
  5. Chronifizierung nicht erfolgreicher Versuche, zum Soll zu kommen
    Dauerhaft wird das Problem dann, wenn die Versuche zur Überwindung des Hindernisses, bzw. seine Bewältigung konsequent unbrauchbar sind. Dabei kann es sein, dass der gleiche, unbrauchbare Versuch der Lösung in immer stärkerer Form wiederholt wird. Es kann aber ebenso sein, dass immer wieder neue Versuche gestartet werden, die leider alle der gleichen, unbrauchbaren Logik folgen.
    So versuchen Menschen, die unter einer Angststörung leiden, ihr Problem durch Kontrolle der Situation oder der Angst auslösenden Faktoren zu lösen. Dies kann in sich mit sehr viel Kreativität variiert werden, fokussiert aber immer wieder auf die Angst und trägt so gern zu ihrem Fortbestand bei.

Problemaufstellung – ein Modellbaukasten
Anschaulich wird die Konstruktion eines Problems durch die Strukturaufstellung nach Varga von Kibét und Sparrer. Sie haben das Modell der Problemaufstellung entwickelt, dass ich im Folgenden kurz darstellen möchte.
Die Teile der Strukturaufstellung werden als Repräsentanten aufgestellt. Zunächst brauchen wir den FOKUS. Dies ist der Repräsentant für denjenigen/diejenige, der oder die das Anliegen (bzw. das Problem) hat. Wie wir oben gesehen haben, kann ein Problem nicht existieren, wenn es nicht ein Problem für jemanden ist.
Dann brauchen wir ein ZIEL. Das ziel steht für die gewünschte Veränderung. Ohne eine Differenz zwischen Ist und Soll, kann es kein Problem geben. Diese Differenz kann sogar darin bestehen, dass der Erhalt des gegenwärtigen Zustands erreicht werden soll. Diese Problemkonstruktion setzt voraus, dass der Erhalt nicht gewährleistet ist. Somit ist schon dies eine Veränderung.
In der Regel ist mit der Zielerreichung das Leben aber nicht zu Ende. Es stellen sich dann neue Aufgaben, die es ohne die Zielerreichung nicht geben würde. Da manchmal die neuen Aufgaben den Blick auf das Ziel und die Lösung verstellen können, brauchen wir einen Repräsentanten für die NEUE AUFGABE.
Wenn nun aber zwischen FOKUS und ZIEL nichts stehen würde, könnte das Ziel ja auch ungehindert erreicht werden. Wir wissen aber, dass es dann kein Problem wäre. Wir brauchen also ein bis drei HINDERNISSE.
In der weiteren Aufstellungsarbeit verändert sich dann dieser Repräsentant zunächst zu einem SCHUTZWALL und schließlich zum HELFER. Sparrer und Varga von Kibét nennen diese Art der sich wandelnden Positionen „Repräsentanten mit intendiertem Mehrfachreframing“.
Wir gehen davon aus, dass bei unseren Klienten, seien es Gruppen oder Einzelpersonen, bereits alle RESSOURCEN, die zur Lösung des Problems benötigt werden, vorhanden sind. Ansonsten handelt es sich eher um eine Lernaufgabe, denn um ein Problem. Auch die RESSOURCEN werden repräsentiert.
Schließlich hat das Verharren im Problemzustand in der Regel auch einen GEWINN. Manchmal besteht dieser vielleicht nur darin, dass eine Nichtveränderung weniger energieaufwendig ist.
Auch der GEWINN ist ein „Repräsentant mit intendiertem Mehrfachreframing“. Er verändert sich zunächst in den PREIS und schließlich in die KOSTBARKEIT.
Ohne an dieser Stelle detaillierter auf die Aufstellungsarbeit eingehen zu wollen, zeigt dieses Modell sehr gut, worum es geht und veranschaulicht aus meiner Sicht eindrücklich die abstrakte Darstellung weiter oben.

Die Bezeichnung „Problem“ als Konstrukt zu verstehen hat den enormen Vorteil, dass es damit veränderbar wird. Dies bedeutet aber nicht, dass der „Träger“ des Problems dieses bewusst oder willentlich herbeigeführt hat und es bedeutet genauso wenig, dass es daher nicht mit Leid verbunden wäre. Im Gegenteil können wir davon ausgehen, dass eine Problemträgerin“ bereits viel Energie zur Lösung und beim Ertragen des „Problems“ aufgewandt hat. Selbst die Inanspruchnahme einer Beratung, Supervision oder Therapie ist selbst ein Lösungsversuch, in den wir als Anbieter von Beratung, Supervision oder Therapie eingebunden sind.

Wenn wir uns also mit der Veränderung von Wirklichkeitskonstruktionen aus der Kategorie „Problem“ beratend beschäftigen, bilden wir mit unseren Klientinnen ein neues System, das selbst wiederum Unterscheidungen trifft. Und schon sind wir mitten im Re-Entry, in der Beobachtung der Beobachter. Wir konstruieren eine Wirklichkeit in der jemand mit einem Problem eine Veränderung erreichen kann, die ihm ein Leben in Abwesenheit des „Problems“ ermöglicht. Damit sind wir gezwungen, ständig die Grenze zwischen dem markierten und dem unmarkierten Raum unserer Unterscheidungen zu kreuzen.
Ich möchte im Folgenden verschiedene Möglichkeiten der Veränderung der Wirklichkeitskonstruktion und damit die Umkonstruierung eines Problems in ein Lösungskonstrukt aufzeigen. Dabei dient mir die Struktur der Problemaufstellung als Hintergrund, um die verschiedene Ansätze einzuordnen.

Unterschiedsbildung als Irritation

Kann es damit getan sein? „Verwirre deinen Klienten und er kommt zu neuen Lösungen!“?
Um ein gelingendes Joining hinzubekommen, ist hohe Sensibilität dafür nötig, ob auf Seite der Klientin Anschlüsse an die Beiträge der Beraterin bestehen. Anschlussfähig ist aber ja immer nur das, was den bisherigen inneren Operationen des Klientsystems entspricht. So gesehen erreichen wir unsere Klienten immer nur, wenn wir ein mehr des Selben befeuern. Dann wäre Beratung sinnlos. Andererseits kann eine starke Irritation des Klientsystems zum Kont(r)aktabbruch führen. Wer sich nicht mehr ernst genommen fühlt, ist auch nicht mehr bereit, sich beraten zu lassen.

Insofern muss uns das Paradox gelingen, mit unseren Irritationen bestehende Muster oder bisherige Operationen zu berühren, ohne sie zu bedienen, zu bestätigen. Im Humor, oder im Witz erkennen wir diese einfache Form der Irritation. Im Rahmen der Erzählung eines Witzes wird der Zuhörer in Richtung einer bestimmten Erwartung geführt. In der Pointe passiert aber dann etwas Unerwartetes. Die Irritation wird durch das Lachen aufgelöst. Wenn es dem Erzähler nicht gelingt, an die Welt des Zuhörers anzuschließen, wird die Pointe, die Irritation verpuffen! In diesem Sinne ist das Prinzip der Irritation in der Beratung kein Imperativ, sondern ein Balancieren mit der Anschlussfähigkeit.

Veränderung innerhalb des Beratungsprozesses beginnt mit der Veränderung der Konstrukte der Beratenden
Es handelt sich bei der Aufforderung zur Irritation auch nicht um eine Handlungsanleitung zur gelingenden Veränderung von Mustern bei unseren Klienten. Damit wäre der ganze Ansatz auf den Kopf gestellt. Mir geht es in diesem Aufsatz mehr darum, wie wir uns als Beratende, Begleitende in die Lage versetzen, die Wirklichkeit, die uns angeboten wird und die wir als Teil des Beratungssystems selbst mit konstruieren, als konstruiert zu behandeln und den, den markierten Raum umgebenden Horizont des unmarkierten Raums, mit in den Blick zu nehmen. Das bedeutet, zur Beobachtung der Beobachtung fähig zu sein und immer wieder dazu einzuladen. Insofern geht es in erster Linie um uns Beratende, Begleitende. Wie können wir es uns erleichtern, in dieser Funktion in die Kybernetik 2. und manchmal 3. Ordnung einzutreten? Wie können wir uns selbst irritieren?

Es sei an die Struktur von Wirklichkeitskonstruktionen, von Geschichten im obigen Teil dieses Beitrags erinnert, die als Grundfolie im Umgang mit Wirklichkeiten helfen kann. Zur Beleuchtung dienen folgende Fragen:

  • Was wird erzählt und was wird nicht erzählt? Also wer und was kommt in der Erzählung vor und was könnte noch vorkommen? Was würden möglicherweise andere Beobachter erzählen?
  • Wie wird erklärt, bzw. begründet und wie könnte anders erklärt und begründet werden? Welche zeitlichen Folgen werden konstruiert? Welche Vergangenheiten und Zukünfte werden konstruiert? Was wird als Ursache und was als Wirkung definiert? Welche Beziehungen zwischen den Phänomenen werden konstruiert und wie könnte es auch anders konstruiert werden?
  • Wie wird bewertet und wie könnte anders bewertet werden? Welche Kategorien werden zur Beschreibung genutzt, mit welchen anderen Kategorien würden welche anderen Bewertungen entstehen? Wie setzt sich die Protagonistin zu den Phänomenen in Beziehung? Wie bewertet sie sich selbst und was passiert, wenn sie sich anders bewertet?

Neue Unterscheidungen durch Wechsel der Kategorien
Weitere Ideen zum Angebot neuer Unterscheidungen bietet ein Blick auf verwendete Kategorien in der Problembeschreibung:

Hier sind einige Beispiele aufgeführt, die deutlich machen, dass der Wechsel zu einer anderen Kategorisierung neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen oder auch verschließen kann. In der Logik von „krank“ verändert sich die Auffassung von Verantwortung für ein Verhalten. Das kann in Bezug auf Schuldgefühle und auf die Erwartungen im Heimatsystem entscheidende Veränderungen mit sich bringen. Es kann aber auch die Option der Veränderung beeinflussen. Für die Beratung sind Fragen wie „welche Kategorien werden eher gebraucht, wenn von dem Problem gesprochen wird? Und welche, wenn es Ausnahmen vom Problem gibt?“ und „Welche Kategorien sind zieldienlich?“ und „Welche Schlussfolgerungen für das Verhalten untereinander (und insbesondere gegenüber dem ‚Problemträger’) werden gezogen?“ hilfreich.

Komplexität erweitern versus reduzieren
Eine weitere Frage könnte sein, und diese Frage ist eher an den Berater, als an den Klienten gerichtet, ist das Problem oder das beschriebene Phänomen eher durch sehr hohe Komplexität gekennzeichnet, oder vielleicht eher durch eine sehr enge Fokussierung? Denn hieraus leitet sich ab, ob ein Unterschied durch die Fokussierung und Reduzierung von Komplexität oder eher durch die Erhöhung der Komplexität eingeführt werden kann.

Komplexitätserweiterung bietet sich z.B. an, wenn zu dem Problemerleben eine starke Verengung des Fokus gehört. Wenn z.B. ein Konflikt die gesamte Wahrnehmung dominiert und das „Überleben“ in diesem Konflikt als einzige Option erlebt wird, können z.B. zirkuläre Fragen neue Sichten auf die Situation erbringen und damit auch neue Handlungsoptionen.

Im Unterschied dazu kann ein Problemerleben von vielen Anforderungen/Überforderungen aus verschiedenen Richtungen zu einer Paralysierung führen. Um wieder Handlungsfähigkeit herzustellen, bietet sich eine Reduzierung der erlebten Komplexität an. Dies kann z.B. durch das Angebot von Statements passieren oder aber durch die Auflösung von Generalisierungen, die Hinterfragung der Endgültigkeit von einmal getroffenen Entscheidungen, der Einführung von zeitlichen Abfolgen, wo eine Schach-Matt-Situation durch Gleichzeitigkeit konstruiert wurde.

Unterscheide durch Ebenenwechsel: Personales System / soziales System
Eine andere Unterscheidung, die für Beratende wichtig werden kann wäre die Frage danach, ob es sich um ein intra- oder interpersonales Phänomen handelt. Allerdings ist hier bereits eine Unterscheidung eingeführt, die einen Unterschied macht, d.h. ihn dadurch konstruiert: Sobald ein sogenanntes intrapersonales Problem von irgendjemand im umgebenden sozialen System beobachtet werden kann, bildet es sich auch in der Kommunikation ab und hat somit einen interpersonalen Aspekt. Insofern ist die Frage berechtigt, ob es sich bei der Konstatierung „intrapersonaler Probleme“ nicht um einen Akt der Zuschreibung handelt, bei dem ein Index-Problemträger erst geschaffen wird. Wir fragen uns, wie ist die Struktur der Problemkonstruktion beschaffen, dass das Phänomen einer Person zugeschrieben werden kann und dort quasi isoliert wird. Wenn wir davon ausgehen, dass jede Beobachtung einen Beobachter voraussetzt, können intrapersonale Probleme nur von der betreffenden Person beobachtet werden. Von Dritten ist nur das Verhalten beobachtbar und dieses ist stets ein kommunikativer Akt an dem mindestens eine andere Person beteiligt ist. Selbst wenn das ‚intrapersonale Problem’ von der Betreffenden dritten mitgeteilt wird, beobachten dritte nicht das Phänomen, sondern das Berichten darüber. Dieses wirkt als ein ordnendes Konstrukt in dem eine Person zum Problemträger und die andere möglicherweise zum ‚Helfer’ wird. Durch die Kommunikation des ‚intrapersonalen Problems’ wird also durch die Kommunikation ein soziales System erst hergestellt. Die Unterscheidung in inter- und intrapersonale Probleme sollte also mit großer Vorsicht geschehen und im Bewusstsein, dass es hier eher um eine Reduzierung der Komplexität möglicher Interventionen im Interesse des Beraters geht.

Gunther Schmidt spricht daher auch von „Ebenen der Mustergestaltung“ die auf der Makro-Eben (interaktionell) oder der Mikro-Ebene (internal) beschrieben werden.

Raus aus dem Inhalt – Rein in die Struktur
Die Arbeit mit dem Format der Problemaufstellung ist an anderer Stelle von Sparrer und Varga von Kybét und auch anderen ausreichend beschrieben. Die Struktur der Aufstellung bietet uns darüber hinaus die Möglichkeit systematisch die Struktur der Problemkonstruktion dahingehend zu befragen, welche zieldienlichen Alternativen für die Klientin denkbar sind.

Die Lösung kommt nicht aus dem Problem
Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Welche Sichten gibt es im beteiligten System zum IST-Zustand? Welche Anteile des IST sollen Teil der Lösung sein? Was ergibt sich in der Gesamtsituation der Klientin, wenn das Ziel erreicht ist. Stellt die dann neue Aufgabe selbst ein Problem dar? Ist das Ziel ein erleben ohne Problem oder wird als Ziel ein Lösungsversuch benannt, der bisher nicht erfolgreich war? An dieser Stelle seien auch die Futur-II-Techniken, wie die Wunderfrage oder die Zukunftswerkstatt, erwähnt. In ihnen wird der gewünschte Zielzustand bereits im Erleben vorweggenommen. Im Unterschied zu häufig geäußerten Zielvorstellung leitet sich dieses Erleben nicht aus dem Phänomen des Problems ab, sondern findet unabhängig davon in einem Raum statt, in dem das Problem nicht vorkommt.

Die Tetralemma-Aufstellung bietet mit ihren Positionen „das Eine“, „das Andere“, „Beides“, „Weder-Noch“ und „All dies nicht und auch das nicht“ eine strukturelle Betrachtung von Möglichkeiten einer Problemlösung inklusive des oben erwähnten Horizonts des unmarkierten Raums. Damit bietet das Tetralemma eine Denkfigur, der wir uns zu Bildung von Unterschieden bedienen können, auch wenn wir keine derartige Aufstellung machen.

Unterschiede im Problemerleben – Trancenhopping
Nun lädt das systemische Arbeiten traditionell zu einer Form, die sehr auf Sprache und rationales Denken ausgerichtet ist, ein. Auch wenn das heute mit dem hypnosystemischen Ansatz von Gunther Schmidt, der Arbeit von Luc Chiompi zu den Emotionen und der gesamten Aufstellungsarbeit (insbesondere in der Tradition der Strukturaufstellung), um ein paar Beispiele zu nennen, längst nicht mehr zutrifft. Vor allem Gunther Schmidt hat das Verdienst, mit seiner hypnosystemischen Sicht und der Einführung des Ericksonschen Konzepts der Trance einen weiterführenden Ansatz zum Verständnis, wie sich ein als problematisch erlebtes Verhalten als Programm aus Kognition, Emotion und Verhalten verstehen lässt. Dieses Verständnis können wir uns zur Einführung von Unterschieden in der Beratung zu Nutze machen. Auch hier beschränke ich mich auf die Betrachtung der Denkfigur und verzichte auf die methodische Erläuterung. Die entscheidende Unterschiedsbildung findet hier auf der Nutzung des Wechsels der Ebenen Kognition, Emotion und Verhalten statt. Das Problemerleben bringt eine starke eigene Dynamik der jeweiligen Trance mit sich, die unterbrochen werden kann, indem unwillkürliche Prozesse in den Bereich des Willkürlichen geholt werden. So kennen wir alle z.B. die Möglichkeit, durch die Veränderung unserer Köperhaltung und der Atmung einen eher mutlosen

Gefühlszustand in einen kraftvolleren zu verändern.

Ansatzpunkte zur Beeinflussung von Problemelementen bieten sich auf der Ebene von:

  • Häufigkeit
  • Ort
  • Zeitpunkt
  • Intensität
  • Dauer
  • Reaktionen anderer
  • Bedeutungsgebung
  • Interaktionssequenz
  • Hinzufügung neuer Elemente (symbolische Handlungen, Rituale, Humor, sinnvoll, sinnlos?)
  • Ausnahmen von der Symptomregel zelebrieren. Häufigere Ausnahmen?
  • Informationen über den Bedürfnishintergrund

Die Techniken dazu hat G. Schmidt ausführlich in seinem Buch „Liebesaffären zwischen Problem und Lösung“ ausgeführt .

Ich möchte zum Schluss noch einmal betonen, dass dieser Beitrag nicht als eine methodische Anleitung gedacht ist, sondern vor allem den Aspekt der Unterschiedsbildung in den Erzählungen und im Erleben der Klienten, der Team- oder Gruppenmitglieder eine Irritation der Prozesse ihrer Autopoiese erlaubt und zu einer Neuorganisation der Muster einladen. Es ist eine Einladung an Beratende, Unterschiede zu machen, die einen Unterschied machen!

Klaus-Martin Ellerbrock – 04.06.2020

[1] Bardmann, Theodor M., Unterscheide! – Konstruktivistische Perspektiven in
Theorie und Praxis; Aachen 1997, S. 14
[2] vgl. Schmidt, Gunther, Liebesbeziehung zwischen Problem und Lösung -> Quelle
[3] Insa Sparrer, Wunder, Lösung und System, Lösungsfokussierte
systemische Strukturaufstellungen für Therapie und Organisationsberatung, Heidelberg 2001, S. 142ff
[4] Schmidt, Gunther, Liebesaffären zwischen Problem und Lösung,
Hypnosystemisches Arbeiten in schwierigen Kontexten, 3. Auflage Heidelberg 2010, S. 106