Über-Lebensgeschichten vertriebener Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter nach 1933 (Joachim Wieler)

Dieser Beitrag ist die überarbeitete Entstehungsgeschichte und Zusasmmenfassung von Untersuchungen und Veröffentlichungen zu obigem Thema seit etwa 1975, die Dank umfassender kollegialer Mitarbeit durch Kolleginnen und Kollegen des Deutschen Berufsverbandes für Soziale Arbeit (DBSH) zustande kamen. Zunächst geht es um die Aktualität und grundsätzliche Fragen der Flüchtlingsarbeit während der NS-Zeit (I), dann um die Quellenlage und Zahlen (II), den Beginn und Verlauf der Untersuchungen (III) und schließlich um die überraschenden Wirkungen und die Frage, wie es weitergehen kann (IV).

I

In dieser Kurzfassung kann bedauerlicherweise nur relativ begrenzt auf die vielen Einzelschicksale eingegangen werden, obgleich diese Kolleginnen und Kollegen es am meisten verdient hätten, selbst zu Wort zu kommen. Eine der betagtesten unter ihnen, Anne Fischer, hatte es so ausgedrückt: „Es ist den Nazis für solange Zeit gelungen, ihre Gegner totzuschweigen, daß ich froh bin, daß Sie Ihre Stimme erheben und daß auch andere Kollegen Sie darin unterstützen.“ Die entsprechenden Quellen stehen zur Verfügung und sind längst noch nicht ausgeschöpft.

Die soziale Arbeit, darunter verstehe ich Sozialpädagogik und Sozialarbeit gleichermaßen*, war bereits im letzten „Jahrhundert der Flüchtlinge“ (Heinrich Böll) in besonderem Maße gefordert, und die Aktualität der Flüchtlingsströme im jetzigen Jahrhundert hat sich zu erneuten Völkerwanderungen entwickelt, die uns in fast jeder Nachrichtensendung begegnen. Insofern ist die Aktualität Flüchtlingsleids heute und weiterhin unbestritten. Die Europäische Union droht trotz vieler guter Bemühungen weiterhin zur „Festung Europa“ zu werden, solange wir uns hinter nationale Grenzen zurückziehen und nicht gemeinsame Strategien finden. Dabei müssen wir die Massen der Entwurzelten auf allen Kontinenten der Erde im Auge haben, denn die Realität der Globalisierung zwingt uns zu strukturellem Denken, auch wenn das Handeln immer lokal oder regional umgesetzt werden muß.

Wer denkt da noch an Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die selbst „auf der falschen Seite des Zaunes“ gestanden hatten und zu Unbequemen, Marginalisierten, Diskriminierten, Verfolgten, Vertriebenen, Geflüchteten, Asylsuchenden und auch Ermordeten wurden? Und was könnte es nützen, sich dieser Schicksale zu erinnern? Schon beim Lesen des Titels könnte die Frage auftauchen, was eine Reihe von Interviews über EmigrantInnenschicksale und die Aneinanderreihung von Porträts über verfolgte Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter mit der Gegenwart und mit der Zukunft zu tun haben. Hört es denn nie auf mit den Erinnerungen, mit den Rückblicken, mit dem Be- und Aufarbeiten unseres geschichtlichen Erbes? Wann müssen wir uns nicht mehr schämen, und wann können wir aufhören zu trauern? Kennen wir nicht – auch aus unserer täglichen Praxis – genügend

Beispiele der Benachteiligung, Mißachtung, Unterdrückung und Verfolgung von Menschen unterschiedlichster Gruppierungen? Und sind wir mit den gegenwärtigen Herausforderungen

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*„Social Work“, also Soziale Arbeit als Berufsbezeichnung wird hier vorgezogen, da es in der nordamerikanischen Sozialarbeit, wo die Interviews geführt wurden, den Begriff der Sozialpädagogik nicht gibt. Viele der sozialpädagogischen Dimensionen, wie wir sie in weiten Teilen Europas kennen, sind sozusagen In-Begriff des Social Work. Es handelt sich also um ein umfassenderes Verständnis von Sozialer Arbeit, als wir sie mit den Doppelbezeichnungen Sozialarbeit/Sozialpädagogik kennen und gebrauchen.

nicht so ausgelastet, daß wir uns nun auch noch mit den Schicksalen verfolgter Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter befassen sollen?

Andererseits: Wenn wir die Frage nach dem Ende der Verarbeitung eines Vertriebenen- bzw. Flüchtlingsdaseins den unmittelbar Betroffenen stellen, nämlich: „Wann hört man eigentlich auf, ein Flüchtling zu sein?“, dann lauteten die Antworten nach über fünfzig Jahren der Vertreibung meist: „Nicht wirklich“, „nie so ganz“ oder „eigentlich nie“. „Ich

weiß nicht, ob es jemals aufhören wird, das Gefühl, Flüchtling zu sein“ (Ilse Eden, Verwandte Alice Salomons und Sozialarbeiterin in der dritten Generation beim Interview 1991 in Berkeley, Kalifornien). Bleiben damit nicht zentrale Fragen lebendig, die, wenn wir uns nicht lediglich abfinden wollen, nach Antworten und Perspektiven suchen, um aus dem Leid zu lernen und aus dem Mut, angesichts der Hoffnungfslosigkeit neue Perspektiven und konkrete neue Wege zu finden? Ausgestoßene haben uns ihre Türen geöffnet und die Hände gereicht. Nach den Begegnungen und Interviews gab es wieder neue Anknüpfungspunkte und Kontakte. Mittlerweile sind die meisten dieser KollegInnen bereits verstorben. Heute, während einige der ZeitzeugInnen noch leben, könnten wir bedauern, daß uns deren unmittelbare Erfahrungen bald nicht mehr zur Verfügung stehen werden und wir uns mit sekundären Quellen und andere schriftlichen bzw. sonstigen Aufzeichnungen begnügen müssen. Dieses absehbare Ende von originären Zeitzeugnissen möge deshalb eher als Ermutigung und als eine mögliche letzte Chance zur Befragung von heute noch lebenden ZeitzeugInnen verstanden werden.

Sozialarbeit ist einer der Berufe, der sich mit EmigrantInnen-Schicksalen und den oftmals zugrundeliegenden Menschenrechts- und ethnischen Fragen von religiösen Minoriäten zu befassen hat, aber meist so, als gehöre man als BerufsvertreterIn nicht so recht zu der Betroffenengruppe – oftmals deklariert oder mißverstanden als professionelle Distanz, die zu gewissen Grad natürlich auch wichtig ist. Um aber die womöglich zu große Distanz zu überwinden, soll auf diesem Wege der Versuch unternommen werden, über die Beispiele aus der sozusagen „eigenen“ Berufsgruppe, der man sich irgendwie zugehörig fühlt, d.h. über eine möglicherweise unmittelbarere Identifikation, mehr Sensibilität für die Problematik zu stiften.

Wie angedeutet, geht es in diesem Beitrag also keineswegs nur um Rückblicke nach „Anno Dazumal“, sondern eher darum, den Blick freier zu machen für die Gegenwart und Zukunft. So könnten wir, wenn wir die Aussagen der Interview-PartnerInnen ernst nehmen, zu einem Dialog kommen, der weder beschönigen noch andauernd beklagen muß, sondern der auch neue Perspektiven für die heutige und künftige soziale Arbeit öffnet, vertieft und weitet, in diesem Fall für die Arbeit mit vertriebenen und geflüchteten Menschen. Die uns anvertrauten Erfahrungen zeugen einerseits von tiefem Leid, aber sind andererseits in hohem Maße zukunftsweisend. Ohne Vertreibung, Flucht, Ermordung von Angehörigen und Freunden oder auch Lageraufenthalte lapidar als „Lernerfahrungen“ bezeichnen zu wollen, lassen die Porträts erahnen, wie manche Interviewten nach ihren leidvollen Erfahrungen zu großer sozialer Sensibilität und Verantwortlichkeit gekommen sind. Alice Salomon hatte es so ausgedrückt: „Ein Leid muß verarbeitet werden, muß Teil von uns werden, um uns stärker und zugleich demütiger machen.“

„Erinnerung ist das Fundament der Versöhnung“ (Talmud)

Diese Weisheit aus dem Talmud und aus anderen grundlegenden religiösen und humanistischen Lehren hat viele Bedeutungen. Erinnerung und Anerkennung der Tatsachen ist eine Voraussetzung und wahrscheinlich der wichtigste Schlüssel für jede Art von Forschung und Wahrheitssuche. Für die Holocaust- und damit auch für die Exilforschung hat sie eine besondere Bedeutung. Erinnerung ist in diesem Fall die notwendige Grundlegung für die Versöhnung, aber sie ist noch nicht die Versöhnung als solche. Sie ist die Voraussetzung, die zu einer möglichen Versöhnung führen kann. – Das Erinnern war in vieler Beziehung so schmerzlich, daß es – teils wohl auch verständlicherweise – geradezu verdrängt werden mußte, und es bedurfte einiger Zeit, um uns damit zu konfrontieren und die Erinnerung nicht abflachen zu lassen. Erst wenn wir dies vergessen kann es leicht zu Ähnlichem oder gar zu Wiederholungszwängen kommen.

Der dichte Nebel lichtet sich nur langsam

In der Exilforschung führte die soziale Arbeit bisher eine Art Schattendasein. Aus diesem Schatten tritt sie nur zögernd heraus. Die Gründe für den Mangel an Wissen über die Ursachen, die Vertreibung und das weitere Schicksal der Flüchtlinge erscheinen durchaus plausibel, wenn wir sie mit den Augen der Betroffenen betrachten. Sie hatten wenig Zeit und kaum Ambitionen, im Kampf ums eigene Überleben, in der Sorge um ihre Familien und neben den Bemühungen um LeidensgefährtInnen ihre schmerzlichen Erfahrungen niederzuschreiben, um sie für die Nachwelt verfügbar zu machen. Aber selbst, wenn wir sie gehabt hätten, wären sie gleich nach dem Ende des Krieges vermutlich kaum zur Kenntnis genommen worden.

Der Wiederaufbau war vorrangig, und das einsetzende ‚Wirtschaftswunder’ waren Anlaß und Rechtfertigung, die traumatischen und peinlichen Geschehnisse, soweit sie als solche empfunden worden waren, zunächst einmal hintan zu stellen oder sie gar – zunächst wenigstens – zu verdrängen. Alte Weisheiten besagen, daß eine Zeit von etwa vierzig Jahren erforderlich sei, um das Geschehene, also Geschichte, objektiver zu betrachten, d.h. mit Abstand und dem Abtritt der noch lebenden und oftmals sehr schweigsamen und durch den verlorenen Krieg ‚ent-täuschten’ Generation. So begann eine intensivere Bearbeitung des gesamten Geschehens und damit des Exilgeschehens erst sehr spät. Ein weiterer Grund hat m.E. sehr viel mit unserem Selbstverständnis und mit der Funktionszuschreibung für unsere Berufsgruppe zu tun.

Soziale Arbeit wird auch heute noch immer von vielen Seiten als „Feuerwehrdienst“ verstanden, der schnell zu löschen hat, weil momentan lodernde Flammen verständlicherweise nicht mit Ursachenforschung gelöscht werden können. Dabei wird zwar – vor allem hinterher – auch viel von den Ursachen und von Prävention gesprochen, aber erwartet werden von der Sozialen Arbeit weiterhin, das kann man verstehen, oftmals und weiterhin möglichst schnelle Problemauflösungen, also wieder Löschen ohne entsprechende Vorkehrungen und Brandprävention. So ist aus der Sozialen Arbeit ein Reparaturbetrieb geworden, wobei ich der „Wegwerf- und Austauschmentalität“ keineswegs das Wort rede. Aber schön, wenn wir aus der Nachsorge zunehmend zur Vorsorge und aus dem Reaktion mehr zur konstruktiven Aktion gelangen könnten.

Besonders in der Forschung zur Sozialen Arbeit und für eine theoriegeleitete Praxis wünschen wir uns mehr Beteiligung von BerufsrollenträgerInnen. In der Geschichtsforschung kommt als hemmend hinzu, daß den Fachhochschulen, also die Hochschulen für angewandte Wissenschaften, lediglich anwendungsbezogene, aber keine Grundlagenforschung zugebilligt wird. Zudem wächst die Erkenntnis, daß die Exilforschung als interdisziplinäre Aufgabe verstanden werden sollte und damit auch aufwendiger wird (Middell u.a. 1980).

Es bleibt also bei der Frage, inwieweit sich der Nebel angesichts der täglichen Herausforderungen weiterhin lichten läßt, und dies ist nur die eine Frage. Denn eine weitere Frage schließt sich an: Wie lange müssen wir uns immer wieder erinnern, bis wir das Geschehene, die Geschichte, so verinnerlicht haben, damit sie uns nicht nur immer wieder ‚aus dem Halse hängt’, sondern wir sie verarbeitet und immer so parat haben, um auch jeden neuen Anfängen entgegen zu treten. Wie wir nur zu genau wissen, wird das Thema Nationalsozialismus und Rechtsradikalismus nicht einfach und endgültig abzuschließen sein.

Trotzdem: Bei allen Verzögerungen und Verdrängungen und trotz der ungewissen Prognosen stehen wir jedenfalls nicht am Anfang der Auseinandersetzung mit unserer deutschen Geschichte – und hier besonders bezogen auf Flüchtlingsschicksale. Denn es gibt eine Menge Quellen, auf die wir zurückblicken und aus denen wir Mut schöpfen können.

II

Zur Quellenlage

Das wissenschaftliche Interesse und die entsprechenden Forschungsaktivitäten und ebenfalls die Veröffentlichungen haben nach meiner Beobachtung seit Gründung der Fachhochschulen kontinuierlich zugenommen. Besonders in den Jahren nach 1980 hat es einen regelrechten Sprung gegeben. Ich deute es als ein erfreuliches Ergebnis der zunehmenden Theorieorientierung für eine angewandte Wissenschaft. Dies betrifft besonders die zunehmenden Arbeiten zur Berufsgeschichte, einschließlich und buchstäblich der lange Zeit ‚unsäglichen’ NS-Zeit, deren Titel ich hier nicht alle nennen kann. Insgesamt sind wir heute schon sehr viel weiter als vor hundert Jahren, als die ersten Geschichts- und Lehrbücher zur Sozialen Arbeit von den PionierInnen selbst geschrieben wurden.

Über die damaligen konkreten Lebenssituationen ausgegrenzter Personen und Gruppen sind die originären Aussagen der unmittelbar Betroffenen wichtig, weil sie originäre Zeitzeugnisse sind und nicht im Nachhinein geschrieben wurden, z.B. die berühmten und damals akribisch verfaßten Tagebuchaufzeichnungen von Victor Klemperer (Klemperer 2007 und – berufsbezogen – auch von PionierInnen der Sozialen Arbeit, z.B. die eine gewürdigt als „Die Begründerin des sozialen Frauenberufs in Deutschland“, Alice Salomon (Salomon 1983 und mittlerweile einer überarbeiteten Version von 2008). Salomon begann ihre Lebenserinnerungen, als sie 1933 ihre Ämter in Deutschland verlor, und sie beendete ihre Autobiographie etwa 1944). Die als „Mutter der Sozialen Gruppenarbeit“, bekannte und gewürdigte Gisela Konopka (Konopka 1996 englisch 1988), wurde zweimal, in Hamburg und in Wien, von der Gestapo verhaftet, war im besetzten Frankreich im Untergrund, bevor sie schließlich in die USA flüchten konnte. Hertha Kraus (Schirrmacher 2002), die kurz nach dem Machtwechsel als eine der jüngsten LeiterInnen der Kölner Wohlfahrtsbehörde mit anderen Kolleginnen entlassen wurde und das große Glück hatte, in den USA eine Professur zu erhalten.

Es gibt vereinzelt Aufzeichnungen, die zu unterschiedlichen Zeiten in vielen Zufluchtsländern geschrieben wurden (und verstreut in diversen Nachschlagewerken und Einzelarbeiten zu finden sind – z.B. in Jüdische „Frauen – eine umfassende historische Encyclopädie“ (Hyman, Ofer, Shalvi 2006) u.a.. – Bei meinen Recherchen fand ich zahlreiche Abhandlungen und Abschlußarbeiten von SozialarbeiterInnen in den USA, die von der Migrationsarbeit z.B. mit unbegleiteten Minderjährigen oder mit VertreterInnen unterschiedlicher Berufsgruppen handeln – aber erst nach längerer Suche auch von Hilfe für die eigene Berufsgruppe.

Diese Untersuchungen beziehen sich vornehmlich auf die Flucht in die Vereinigten Staaten von Amerika als Haupteinwanderungsland mit Durchgangsländern bzw. Zwischenstationen in der Schweiz, Tschechien, den Niederlanden, Frankreich und Großbritannien usw. Die Motivation für meine diesbezüglichen Forschungen ist nicht in einem Vakuum entstanden. Ich sehe sie im weitesten Sinne in Verbindung mit meinen eigenen Erfahrungen als Vorkriegs- und Flüchtlingskind und der Tatsache, daß ich acht Jahre lang in den USA arbeitete und dort weiterhin Sozialarbeit studierte. Doch der eigentliche Auslöser (the ‚trigger event’, wie man englisch ganz treffend sagt) für die konkrete Betätigung in dieser Forschung ist ein anderer.

Exilforschung – „…schon wieder etwas Neues in der Sozialen Arbeit?“

Als ich 1973 aus den USA an die Ev. Fachhochschule Darmstadt berufen wurde, waren die Nachwehen der StudentInnen-Bewegung noch spürbar. Kritische StudentInnen fragten sehr vehement nach der Rolle der Sozialarbeit während der NS-Zeit. Das erlebe ich heute übrigens auch noch! Bei meiner Suche nach verwendbaren Materialien zu diesem Thema wurde ich nicht sofort fündig. Ich erinnerte mich aber an eine Biographie über und mit Beiträgen von Alice Salomon (1872-1948), die selbst als Fünfundsechzigjährige nach stundenlangen Gestapo-Verhören aus Deutschland vertrieben worden war und aus dem New Yorker Exil nicht mehr in ihre Heimat zurückkehrte. Mit dieser Biographie (Muthesius 1958) wurden wir als StudentInnen kurz nach Erscheinen des Buches in die Geschichte des Berufes eingeführt, und nun begann ich erneut – aber jetzt gründlicher! – zu lesen. Diese Biographie beruhte auf einem autobiographischen Manuskript, das verloren gegangen war, und ich wunderte mich, daß eine Frau wie Alice Salomon, die in ihrem Leben etwa zwei Dutzend Bücher und weltweit über 400 weitere Beiträge – wie mittlerweile feststeht – geschrieben hatte, ausgerechnet mit ihren eigenen Lebenserinnerungen während der NS-Zeit und im amerikanischen Exil – trotz aller Bemühungen – nicht zu Wort kommen konnte oder nicht sollte. Also machte ich mich auf die Suche danach und wurde in mancher Hinsicht fündig.

Zum Glück waren aber auch im Laufe der Nachkriegsjahre nach und nach sehr interessante Literatur- und Archivquellen zugänglich geworden und anregende kollegiale Begegnungen führten zur weiteren Spurensuche – beispielsweise eine Zusammenarbeit mit meiner Kollegin Marianne Fiedler (wir organisierten eine Ausstellung über Alice Salomon 1978 anläßlich der sozialarbeiterischen Weltkonferenzen in Israel), die Ermutigung durch C. Wolfgang Müller und anderer Freunde an der damaligen FHSS in Berlin (vgl. Landwehr 1981 und darin Jochen Brauns, Landwehr/Baron 1983, darin David Kramer; später Marlis Dürkop, Christine Labonté-Rosét und weitere, z.B. Heidi Koschwitz beim DZI und weitere in den internationalen Organisationen, um deren Verständnis ich bitte, wenn ich sie nicht alle persönlich nennen kann).

Es waren Arbeiten zur deutschen Emigration und ihren politischen Rückwirkungen (Radkau 1971) und über geflohene Sozialwissenschaftlicher erschienen (Greffrath 1979). Sozialarbeit als eigenständige Profession und sich entwickelnde Wissenschaft kam erst später in den Blick. Auf eine Verbindung zwischen Sozialer Arbeit. d.h. Sozialpädagogik und Reformpädagogik, verweisen die Arbeiten über Lehrer und Schulen im Exil (Feidel-Mertz/Schnorbach 1981 und Feidel-Mertz 1983). Parallel dazu begann ich zu forschen, aber mit einem direkteren Fokus auf unsere Berufsgruppe und Disziplin Soziale Arbeit und nicht auf den sehr weiten Kreis der KollegInnen aus den Bezugswissenschaften, die bereits im Blick der Forschenden aus den jeweiligen und anerkannteren Wissenschaftsbereichen waren.

Die umfassenden und sich ausdifferenzierenden Quellen – vor allem die der umfassenden jüdischen Migrationsforschung (vgl. Strauss ab 1978) – kamen da sehr entgegen, z.B. ganz besonders eine kommentierte Bibliographie mit mehr als 2000 Titeln zur Emigration/Immigration (Strauss 1981a). Diese Sammlung verweist auf zahlreiche Beiträge über soziale Arbeit mit und für unterschiedliche Flüchtlingsgruppen und enthält Hinweise auf kollegiale Hilfsorganisationen. 1983 erschienen zum ersten Mal 116 Kurzbiographien unter der einschlägigen Berufsbezeichnung „Social Work“ in einem dreibändigen biographischen Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933 (Röder/Strauss 1980-1983).

III

Danach, parallel zu meinen Lehrverpflichtungen als Hochschullehrer beschäftigte ich mich – und soweit der Lehrbetrieb es erlaubte – mit der Migrationsgeschichte während der NS-Herrschaft und die vielen Bedeutungen für die Schutzbefohlenen und die Praktizierenden der Sozialen Arbeit. Es entstanden im Laufe der Jahre mehr oder weniger aufeinander aufbauende Untersuchungen zu diesem Thema (Wieler 1982, 1983, 1987, 1989a und b, 1995a und zusammen mit Zeller 1995), die ich hier als weitere Referenzen anführe. Diese Arbeiten zu vertriebenen BerufskollegInnen, werden hiermit aktualisiert, grob zusammenfaßt und zwar so, daß die einzelnen Abschnitte auch jeweils unabhängig voneinander gelesen werden können.

Die unterschwelligen Bedeutungen der Begriffe und der üblichen Vorstellungen

Das Thema ist äußerst komplex, weil schon die gebräuchlichsten Bezeichnungen sehr unterschiedlichen Bedeutungen beigemessen werden.

Migration heißt Wanderung in verschiedene Richtungen, Emigration Auswanderung und Immigration Einwanderung. Diese Begriffe werden in der einschlägigen Fachliteratur häufig gebraucht, weil sie – der wissenschaftlichen Objektivität halber – nicht so wertend klingen. Das kann dann sehr leicht so verstanden werden, als lägen der Migration bzw. der Ein- und Auswanderung keine besonderen Anlässe oder Dringlichkeiten zugrunde. So fand und finde ich auch heute noch in zahlreichen Abhandlungen über Alice Salomon, die 1980 weitgehend in Vergessenheit geraten war, daß sie 1937 ausgewandert war. Das stimmt ja auch, aber so lapidar („einfach, elementar; kurz und bündig“: Duden) kann die Aussage als inhaltsleer verstanden werden und auch als Verharmlosung, es sei denn, die Ursachen, Zusammenhänge und Auswirkungen werden dazu benannt – wie dies durchaus in vielen Abhandlungen der Fall ist. Manche Beschreibungen können aber auch so gelesen werden, als wäre die Auswanderung freiwillig oder eine Entscheidung aus individuell zu verantwortenden Gründen gewesen.

Anders ist es schon, wenn von Diskriminierung, Verfolgung, Flucht, Abschiebung, Vertreibung oder von Deportation gesprochen und geschrieben wird, aber auch hierbei gaben uns manche der InterviewpartnerInnen sehr vehement zu bedenken, daß sie nicht Flüchtlinge, sondern mehr oder weniger brutal Vertriebene waren (vgl. Schumacher in Wieler/Zeller 1995, S. 76 ff.). Ein anderer empfand sich explizit nicht als Flüchtling und erklärte es so: „…ich war nicht gezwungen zu gehen, weil ich mit meinem eigenen Willen weg bin.“ Aber setzt dann fort: „Wäre ich in Deutschland geblieben, wäre ich wahrscheinlich umgekommen … Die Zukunft sah hoffnungsvoll aus, es war Zeit zu gehen…“ (a.a.O. 1995, S. 175).

„Heim-Suchung“ im Zusammenhang mit Vertreibung erscheint mir als ein besonders bedeutsamer Begriff. Einer der Vertriebenen erklärte dies so: „Im Deutschen wird ein Unglück auch als eine ‚Heimsuchung’ bezeichnet. Darin liegt ein dunkler Hinweis. Eine Heimsuchung hatte sowohl das jüdische wie das deutsche Volk befallen, aber diese Heimsuchung zwang zur Suche nach dem Heim“ (Armin Wegner 1968 in Zadek 1981, S. 162).

Dieses Zitat läßt sich nach der großen Heimsuchung auch in einem weiteren Sinne verstehen, nämlich um die Suche nach einer neuen Orientierung, einem neuen Verständnis, und einer veränderten Praxis gegenüber Diskriminierung, Verfolgung, Vertreibung und Flucht. Weswegen wir uns während und gleich nach dem Krieg nicht sofort mit kritischer Geschichtsschreibung und –reflexion befaßt haben, bestätigten uns InterviewpartnerInnen, die, wie man salopp sagt, ‚dem Tod von der Schippe gesprungen’ waren, und sich dann oft selbst um Flüchtlinge kümmerten (Wieler/Zeller 1995).

Um die Umstände ab 1933 ein wenig besser nachzuvollziehen zu können, sei im folgenden Kasten in ganz groben Zügen an die sich steigernde Verfolgung von unbequemen Minderheiten erinnert.

Die Phasen der Verfolgung

 Phase I     Beginn 30.1.1933:

Zahllose Gewaltanwendungen, hauptsächlich durch die SA, die in einigen Staaten als Hilfspolizei angeheuert war, gegen politische Gegner, Kommunisten, Sozialisten, Mitglieder des Reichstags, aber auch Einzelpersonen, mit denen „alte Rechnungen“ beglichen werden sollten. Straßen- und Lokalschlachten, Besetzungen öffentlicher Einrichtungen, die Auflösung politischer Parteien und der Gewerkschaften. „Gleichschaltung“ der Organisationen und Institutionen. „Säuberung“ öffentlicher Ämter, Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 , Mißhandlungen und Mord. Bücherverbrennungen. Im Juli 1933 berichtet das Reichsinnenministerium von über 26.789 in „Schutzhaft“ befindlichen Personen.

Phase II               ab Mitte 1933:

Einrichtungen von Konzentrationslagern. Ausschlußgesetze hinsichtlich der Studienplätze und akademischen Berufen.

Phase III               ab April 1935:

Neuer Straßenterror setzt ein, die antisemitische Propaganda nimmt zu. Diese Entwicklung findet einen neuen Höhepunkt im Reichsparteitag in Nürnberg und in den per Akklamation beschlossenen „Nürnberger Gesetzen“. Das „Reichsbürgergesetz“ nimmt den Juden die vollen bürgerlichen Rechte, und das „Blutschutzgesetz“ verbietet u.a. Eheschließungen und außerehelichen Geschlechtsverkehr zwischen den „Rassen“. Durch Verordnung im November 1935 werden jüdische Staatsangehörige endgültig aus dem Staatsdienst entlassen.

Phase IV               Beginn 1936:

Ausschaltung der jüdischen Bevölkerung aus dem Wirtschaftsleben durch Verweigern von Konzessionen in allen Bereichen von Apotheken bis Viehhandel. Juden wurden vom Wehrdienst ausgeschlossen; gesonderte Schulen mußten eingerichtet werden

Phase V               Beginn Herbst 1937:

NS-Aktivitäten konzentrieren sich auf die forcierte Übernahme jüdischer Geschäfte. Dem Widerruf von Handels- und Praxiskonzessionen folgen weitere Berufsverbote. Unter inhumanen Bedingungen werden zwischen 14.000 und 17.000 polnische Juden nach Polen deportiert. „Anschluß“ Österreichs im Frühjahr 1938.

Phase VI               ab Herbst 1938:

Nach der Pogromnacht vom 9./10.11.1938, für deren Verwüstungen die Juden selbst 1,25 Mrd. Reichsmark bezahlen müssen, waren ca. 30.000 Juden in deutschen Konzentrationslagern interniert. Diesen reichsweiten Pogromen folgte eine ungeheure Emigrationswelle; denn bis dahin hatte nur etwa ein Viertel der Juden das Reich verlassen. Im März 1939 waren deutsche Truppen in Prag einmarschiert. – Nach Kriegsbeginn setzen 1940 die ersten Deportationen ein. Vom 1. September 1941 an müssen alle Juden in Deutschland den Judenstern tragen. Massendeportationen in östliche Vernichtungslager beginnen.

Phase VII             ab Januar 1942

In der „Wannsee-Besprechung“ gibt Heydrich im Januar 1942 die Richtlinien für die „Endlösung“ bekannt. Am 1. Oktober 1941 verbietet das Reichssicherheitshauptamt jegliche Auswanderung – Ausnahmen bleiben. Die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten wird umgesetzt.

(vgl. Hofer 1957, S. 269ff; Strauss 1980, S.330; Hilberg 1982) 

Wer waren die Flüchtlinge und Vertriebenen?

Politische oder „Wirtschaftsflüchtlinge“!? Diese Frage, die grundsätzlich nicht einfach zu trennen ist, scheint nach meiner Beobachtung heute nicht mehr ganz so gängig zu sein wie früher, aber das Thema bleibt relevant, weil sie weiterhin mit der noch generelleren Frage über „Flüchten oder Standhalten“ (Richter 2012) zu tun hat, und schließlich wieder als existenzielle Frage zu den wirtschaftlichen Bedingungen zurückführt, über die damals wie heute gestritten wird.

„Von Anfang 1933 bis Herbst 1941 sind annähernd 400 000 Menschen aus Deutschland geflohen. Sie verließen ihre Heimat vielfach unter Gefahr an Leib und Leben. Sie gingen aus moralischem und politischem Protest gegen den Faschismus, sie flohen schließlich, weil ihnen die Grundlagen der wirtschaftlichen Existenz … entzogen werden sollten oder entzogen worden waren. Die Ursache der Emigration war also allemal eine politische; denn auch die Vernichtung der ökonomischen Existenz ist eine politische Maßnahme gewesen“ (Walter 1981, S. 10 f.)

Wenn wir uns vor Augen halten, zu welchen Grausamkeiten das Regime sich steigerte, dann hat es sich kaum um leichtfertige Entschlüsse zur Flucht gehandelt. Es ließe sich eher von weiser Voraussicht sprechen. Da es Unterschiede in der Fluchtmotivation und im konkreten Fluchtverhalten gab, sind die einen eher als EmigrantInnen (AuswanderInnen) und andere als Exilierte, Verbannte oder Vertriebene zu betrachten. Aber politische Flüchtlinge waren sie allesamt. Sowohl die quantitativen wie die qualitativen Dimensionen sind bisher immer noch schwer zu ermessen. Weitere Klärungen stehen aus.

Zum Hintergrund und zum Verlust vertriebener Fachkräfte

Mit Aufklärung und entsprechenden Aufrufen in den Medien versuchten liberale Kräfte in den USA, dem Mythos von der ins „Uferlose anschwellenden Flüchtlingsflut“ entgegenzuwirken. Es handelte sich nicht – wie bis zu dieser Einwanderungswelle – um die sogenannten „Pickhacken- und Schaufelimmigranten“ („Pick and Shovel Immigrants“), sondern um eine beträchtliche Anzahl hochqualifizierter Flüchtlinge, wie Auszüge aus einer Auflistung über den Zeitraum 1933 bis 1944 zeigt: 4684 MedizinerInnen, 3415 ProfessorInnen und LehrerInnen, 2471 IngenieurInnen, 2273 Geistliche, 1907 WissenschaftlicherInnen und wissenschaftlich Tätige, 1819 RechtsanwältInnen, 1281 MusikerInnen, 1578 andere freiberuflich Tätige usw. (Davie 1947, S. 41).

Die deutsche Emigration bestand, hier ebenfalls nur ganz grob unterschieden, aus deutschen Juden und andererseits aus den politischen und intellektuellen Gegnern des Faschismus. Etwa ein Zehntel wird der zweiten Kategorie zugerechnet. Es gibt zahlreiche Überschneidungen. Deswegen waren die Zahlen damals schon ungenau (Walter, 1981, S. 11). Während wir also über die Flüchtlingsbewegung insgesamt weiterhin wenig wissen, haben wir verhältnismäßig genaue Angaben über die Abnahme jüdischer MitbürgerInnen. Dies hat mit der akribischen Arbeit besonders der jüdischen Archive und Institute zu tun (vgl. Strauss 1978 und folgende).

Die Zahl der deutschen Juden hat von Januar 1933 bis Mai 1939 von ca. 525 000 (geschätzt) auf 213 390 abgenommen – das sind 60 %. Mitte 1945 lebten noch ca. 25 000 Juden in Deutschland (Strauss 1980, S. 317). Nach den Erhebungen der damaligen Zeit waren es – zumindest in Preußen – proportional mehr Juden als Nichtjuden, die im sozialen Bereich und im Gesundheitswesen tätig waren. Zudem wird aus der Berufsgeschichte immer deutlicher, daß proportional mehr jüdische „KlassikerInnen“ zu den InitiatorInnen des sozialen Berufs gehören. So läßt sich nur erahnen, welcher Verlust uns in Deutschland durch die Vertreibung der engagierten KollegInnen entstanden ist. Es gab also nicht nur schmerzliche Verluste für die Vertriebenen, sondern auch für uns und unsere Nachfahren der Vertreibenden und deren MitläuferInnen. Darüber ist bisher noch nicht viel reflektiert worden. Doch möchte ich an diesen Verlust erinnern, den die Vertreibung des Sozialen und der Sozialen Arbeit aus Nazi-Deutschland für die Vertreibenden zur Folge hatte. Für jemand, der beispielsweise die Professionalisierung und die Bemühungen um eine Wissenschaft der Sozialen Arbeit in Deutschland und in den Vereinigten Staaten erlebt und weiterhin verfolgt hat, drängt sich die Vermutung auf, daß wir in Deutschland durch die Vertreibung nicht nur wichtige BündnispartnerInnen für den Professionalisierungsprozeß verloren haben, sondern dadurch ins Hintertreffen geraten sind.

Es verwundert nicht, daß die meisten der vertriebenen BerufskollegInnen jüdischer Herkunft waren und viele von ihnen aufgrund ihres sozialen Engagements nicht nur aus „rassischen“ Gründen, sondern wegen ihrer politischen Gegnerschaft oder zumindest wegen ihrer kritischen Einstellung gegenüber dem Regime das Land verlassen mußten. Martin Gleisner, der Lehrer für modernen Tanz, Gewerkschaftler, Sozialist und jüdischer Herkunft war, berichtete im Interview: „Die meisten von uns bekamen es gleich doppelt, dreifach und mehrfach ab…“

In den Archiven der Leo-Baeck-Institute, das sich überwiegend, aber nicht ausschließlich mit der jüdischen Emigration und auch nicht nur mit der Emigration in die Vereinigten Staaten befaßt, befinden sich ca. 70 Namen von Flüchtlingen in der Berufskategorie Sozialarbeit („Social Work), und etwa die gleiche Anzahl befindet sich in den Archivbeständen der Sophia-Smith-Collection (Women’s Archives) im Smith College, Northampton, Mass., USA. Dabei handelt es sich jeweils nur um diejenigen, über die es mehr oder weniger umfangreiche Unterlagen oder gar Sammlungen gibt. Es dürften, wie ich über meine Begegnungen feststellte, wesentlich mehr gewesen sein, die ihr Glück ‚auf eigene Faust’ gesucht hatten, die den Hilfsorganisationen nicht zur Kenntnis gekommen waren und deshalb bis heute nicht genannt und bekannt sind.

Aus den Archivquellen und aus eigenen Schätzungen bin ich sicher, daß mehr als 200 US-amerikanische SozialarbeiterInnen frühere EmigrantInnen waren (die Zahl ist bisher mit jeder neuen Untersuchung gewachsen). So wollte ich mich auf diejenigen konzentrieren, die eindeutig zur Berufsgruppe der ausgebildeten SozialarbeiterInnen zählen, auch wenn es viele bekannte Frauen und Männer gab, die sich – aus verwandten Berufsgruppen kommend – um die Sozialarbeit verdient gemacht hatten.

Durchgangsländer und Einwanderungsland USA – wer will mehr Flüchtlinge?

So, wie heute Zuwanderer in Deutschland oft Illusionen aufsitzen, ging und geht es vielen Bedrohten, die in den USA, dem ‚Land der unbegrenzten Möglichkeiten’ ein neues Leben finden wollten; denn: „Nach der amerikanischen Tradition hat die Geschichte der Einwanderung ein ‚Happy End’. Der arme Immigrant bringt es zu Ruhm und Reichtum… In der Tat aber wissen wir erstaunlich wenig darüber, wie es ihm nach seiner Ankunft wirklich ergeht“ (Hutchinson in Kent 1953, S. VII).

Die Aussichten für die Flüchtlinge in europäischen Ländern hatten sich nach 1933 drastisch verschlechtert. Aufgrund hoher Arbeitslosigkeit waren die Einreisebestimmungen immer restriktiver geworden. Der Trend war überdeutlich: In den Jahren 1933 bis 1935 suchten drei Viertel der Bedrohten Zuflucht in europäischen Ländern und 1937 nur noch ein Viertel (Strauss 1980, 351). Für viele waren die europäischen Länder, wie auch die Porträts zeigen, nur Durchgangsstationen. Die Vereinigten Staaten haben, so kontrovers die Auseinandersetzungen dort auch geführt wurden, die meisten der Flüchtlinge aufgenommen.

In dem Maße, wie der Druck in Europa zugenommen hatte, so hatten sich gleichzeitig die Chancen für die Asylsuchenden in den Vereinigten Staaten verschlechtert. Um die Erfahrungen der Befragten möglicherweise besser nachvollziehen zu können, dürfte es hilfreich sein, wenigstens ein bißchen über die Bedingungen zu erfahren, unter denen sich nach 1933 die Einwanderung und das Einleben in den Vereinigten Staaten vollzog. Darüber hatte ich vor den Interviews viel Material gesammelt und daraus entwickelten sich auch manche Nachfragen an die Interviewten.

Bedingt durch den „Wall Street Crash“ und die folgende Weltwirtschaftskrise herrschte auch in den USA enorme Arbeitslosigkeit. Durch die Isolationspolitik der US-Regierung war außerdem die Aufnahmebereitschaft gegenüber Flüchtlingen gedämpft und fiel nach 1930 rapide ab. Die Anzahl derjenigen, die einreisen durften, war schon früher durch eine – in den USA selbst sehr kontrovers diskutierte – Quotenregelung festgelegt worden, wobei jedem Auswanderungsland nur eine bestimmte Anzahl (Quote) von Einreisenden in die USA zugestanden wurde. Vorbehalte oder gar Angst gegenüber einer angeblich anschwellenden Einwanderungswelle waren, zumindest von 1932 bis 1935, völlig unbegründet, denn dies war der einzige Zeitraum in der Geschichte der Vereinigten Staaten als Einwanderungsland, in dem mehr Menschen das Land verließen als zuwanderten. Dies zeigen die Ein- und Auswanderungsbewegungen von 1932 bis 1938 (Davie 1947, S. 21).

Die Flüchtlinge wurden, was ja auch plausibel ist – nicht als „Fünfte Kolonne“, sondern als die bestmöglichen Verbündeten mit den USA bezeichnet und dazu als ein außergewöhnlicher Gewinn. Begreiflicher wurden die Vorbehalte gegenüber der Einwanderung, als tatsächlich mehr Flüchtlinge kamen und die politische Situation sich mit der Kriegsgefahr zunehmend verschärfte. Aber nur im Jahre 1939, d.h. nach der Reichs-Pogromnacht („Reichskristallnacht“), dem „Anschluß“ Österreichs, dem Einmarsch deutscher Truppen in Prag und dem Ausbruch des Krieges in Europa, wurde die Einwanderungsquote für Deutschland und Österreich im vollen Umfang genehmigt und ausgeschöpft. Abgesehen von der noch immer angespannten Arbeitsmarktlage stieg danach die Angst vor einer Unterwanderung durch feindliche Elemente.

Reaktionen der SozialarbeiterInnen in den USA

Aus den Jahrbüchern der Sozialarbeit (siehe Social Work Yearbooks), die jedes zweite Jahr erschienen, wird deutlich, daß zumindest die AutorInnen, die über die Flüchtlingsarbeit berichteten, ein langsames Hineinwachsen der Neuankömmlinge in die amerikanische Gesellschaft vertraten und nicht, wie es üblich und weitverbreitet war, auf ein schnelles Einschwenken auf den „American Way of Life“ zu drängen. Sie übernahmen allerdings auch die offiziellen Bezeichnungen für die Flüchtlinge, als die Regierung nach der Kriegserklärung Hitlers an die USA nicht mehr von Einwanderern und ihren Kindern, sondern von „ausländischen Feinden“ („Alien Enemies“) sprach. Die Reaktion auf die zumindest neuere „Flüchtlingsflut“ schien sehr gemischt, und die Diskussion über die damalige Internierung Verdächtiger ist bis heute nicht abgeschlossen. Interessanter dürfte die Frage sein, wie sich die Berufsgruppe gegenüber gefährdeten Kolleginnen und Kollegen verhielt, die nach 1933 ins Land kamen.

Mit der Präsidentschaftswahl von 1932 hatte es einen leichten Linksruck gegeben, wofür sich der neue Präsident bei den Konservativen den Spitznamen Stalin Delano Roosevelt einhandelte. Mit neuen, aber gewiß nicht revolutionären sozialen Gesetzen, die die „New Deal“-Ära einläuteten, wuchs der öffentliche Bereich der sozialen Arbeit. Doch für die behördliche Sozialarbeit fehlten erfahrene Sozialarbeiter/innen. In einer Sondernummer von „Social Work Today“ im September 1939 über die „Neue Einwanderung“ heißt es über „SozialarbeiterInnen unter den Flüchtlingen“: 

„Die allermeisten ausländischen Sozialarbeiter kommen aus dem Öffentlichen Dienst und könnten sich hier am schnellsten anpassen. Im Öffentlichen Dienst aber können sie nicht arbeiten, solange sie nicht eingebürgert sind, und das dauert wenigstens 5 Jahre.“ (Colcord 1939, S. 38)

Hier hätten also gerade diejenigen, die aus den deutschen und österreichischen Behörden entfernt worden waren, ihre Erfahrungen nutzbringend einsetzen können, doch die 5-Jahresfrist war nicht das einzige Hindernis. Eine Professionalisierungskampagne mit dem Ziel, bis 1940 die „Graduate-Ausbildung“ mit dem „Master of Social Work (MSW) als Einstiegsqualifikation in den Beruf vorzuschreiben, konnte den Flüchtlingen nicht helfen. Ihnen blieb meist nichts anderes übrig, als noch einmal die Ausbildung zu wiederholen (dies ist auch heute noch die Regel, da es noch keine gegenseitige Anerkennung von Abschlüssen gibt). In ihrem Beitrag fährt Colcord fort mit Erfahrungen, die sie gemacht hatte und die auch Ausdruck dafür sein dürften, welche Erwartungen andere Sozialarbeiter/innen an die neuen KollegInnen hatten:

„In dieser Beziehung denke ich an zwei Sozialarbeiter, einen Mann und eine Frau, beide unter 25, als sie dieses Land erreichten. Ohne sich zu beklagen, nahmen beide jede Arbeit an, die sie finden konnten – Fabrikarbeit und Arbeit im Haushalt. Ihre englische Sprache verbesserte sich, und sie fanden beide ziemlich schlecht bezahlte Positionen am Rande der Sozialarbeit. Ihr Interesse an weiterer Ausbildung war enorm, und ein zu großer Betrag ihres geringen Einkommens wurde ausgegeben für Fortbildungskurse und berufliche ‚Werkzeuge‘. Sie wurden Mitglieder AASW („American Association of Social Workers“) und drängten unter eigenem Dampf vorwärts, ohne sich einen Moment mit ihren Problemen an die Schultern anderer Leute angelehnt zu haben“ (Colcord a.a.O.).

Nach Colcord’s Kenntnis seien von 1933 bis 1939 höchstens 75 Personen eingewandert, die man eindeutig als Sozialarbeiter/innen bezeichnen könne:

„… etwa die doppelte Anzahl würde sich gerne als Sozialarbeiter/in verstehen, aber ihre Ausbildung und ihre praktischen Erfahrungen liegen in einem angrenzenden Gebiet und nicht in der Sozialarbeit, wie sie in Amerika definiert ist“ (Colcord 1939, S. 37).

Diese Darstellungen, insbesondere die zur Ausbildung und die zur Anstellung, stehen im Gegensatz zu einem Brief, den Alice Salomon wenig später an eine frühere Mitarbeiterin im Internationalen Komitee sozialer Schulen schreibt:

„Das Leben hier ist hart, aber anregend. Ich rede viel und werde miserabel bezahlt, aber gebe auch wenig aus. So ist es für mich nicht ganz hoffnungslos. Die Sozialarbeiter hier tun, als ob alles, was in Europa gelernt und gemacht wird, völlig inferior ist. Sie nehmen unsere diplomierten Sozialarbeiter mit langjähriger Praxis nicht mal in die Schulen hier auf! ‚Have no Academic standards.‘ Na, man muß das eben tragen. Für die Jüngeren ist es sehr hart“ (Salomon im Februar 1940, in: Wieler 1987, 299).

Die Frage nach der Vergleichbarkeit von Ausbildungs-Abschlüssen ist mindestens so alt wie Alice Salomon’s erste weltweite Studie zu diesem Thema von 1937, und die Diskussion ist heute wieder höchst aktuell, wenn wir in Europa die „Bologna-Idee“ und den „Bologna-Prozess“ verfolgen. Was wir im Zusammenhang mit unseren gegenwärtigen Integrationsbemühungen für Asylsuchende und auch asyl- und arbeitssuchende KollegInnen aus dem Ausland tun könn(t)en, bleibt ebenfalls eine ganz konkrete Frage.

Alice Salomons einsamen Tod und ihre sang- und klanglose Bestattung auf einem Friedhof in Brooklyn möchte ich hier als Übergang von der Archivarbeit zur persönlichen Begegnung und Befragung von noch lebenden BerufsvertreterInnen nennen:

Der oben erwähnte Kollege Martin Gleisner, der zum Begräbnis ging und dabei auch hoffte, eine größere Anzahl von Personen – vor allem Berliner LeidensgenossInnen – zu treffen, berichtete über Alice Salomons Begräbnis in New York: „Da ich in Deutschland noch nicht Sozialarbeiter war, habe ich sie weder dort noch hier persönlich getroffen. Selbstverständlich wußte ich von ihr, denn ich war aktiv in der Arbeiterbewegung und in der Volksbildungsbewegung. Also, als ich von ihrem Tod in der New York Times während der Hitzewelle 1948 gelesen hatte, ging ich zu ihrem Begräbnis, denn ich meinte, wir sollten der Gründerin der sozialen Frauenschule diese Ehre erweisen. Da gab es keine Trauerfeier, und nur etwa vier oder fünf Leute waren anwesend… (in Wieler 1987, S. 402)

Selbst traurig und deprimiert wollte ich von der einsamen Archivarbeit wieder zu mehr lebendigen Begegnungen kommen. Die Archivarbeit mußte und kann warten, weil wir nach dem Ableben der unmittelbaren Betroffenen in absehbarer Zeit sowieso bestenfalls noch über die Nachkommen einen – sich verflüchtigenden – Gegenwartsbezug zu damaligen Zeit haben werden.

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ (Martin Buber)

Meine Suche nach den verschollenen Lebenserinnerungen von Alice Salomon, „Charakter ist Schicksal“ (Salomon 1983), und die Forschungen über ihr Leben während der NS-Zeit und im Exil waren primär Literatur- und Archivarbeiten nach der Quellenlage von etwa 1975-1985, die sich insgesamt mittlerweile sehr erweitert hat. Meine mehr oder weniger einsamen Aufenthalte zwischen Büchern und Materialbergen war für mich als Sozialarbeiter zeitweise sehr bedrückend. Zu den Archiven und Bibliotheken hatten mich Brief- und Telefon-Kontakte mit ZeitzeugInnen geführt, d.h. Verwandte von Alice Salomon und SozialarbeiterInnen, die sich noch persönlich an sie erinnern konnten. Wir hielten Kontakt, und als meine erste umfassende Arbeit zu einer Dissertation ausgewachsen und veröffentlicht war (Wieler 1987), wünschte ich mir fortgesetzte Gespräche mit ihnen.

Ausnahmslos und ganz spontan sagten sie Interviews für ein „Oral History“-Projekt zu, d.h. für Tonbandaufzeichnungen ihrer Lebensgeschichten.. Es waren zunächst überwiegend Männer, die als Professoren für Sozialarbeit an Universitäten lehrten. Für ein anstehendes Forschungssemester (Herbst und Winter 1990/91) hatte ich 15 Interview-Termine vereinbart. Es ging und geht allerdings nicht nur um die renommierten BerufsvertreterInnen, sondern auch um die Lebensgeschichten und Einschätzungen von PraktikerInnen in den verschiedenen Berufsbereichen, die nicht oder kaum publizierten und damit auch nicht so bekannt wurden. Schon vor den Besuchsterminen, aber hauptsächlich während der Besuche selbst wurden bei vielen der Befragten Erinnerungen an Berufs- und LeidensgenossInnen wach, mit denen in den meisten Fällen kurzfristig Gesprächstermine vereinbart werden konnten. So waren am Ende 35 Interviews zustande gekommen. Doch wie fängt man solche Gespräche an?

Als allgemeinsten Nenner nannte ich in der Regel mein Bedauern, sie als Nachbarn und KollegInnen nicht früher kennen gelernt zu haben; denn etwa um die Zeit, als ich geboren wurde (1938), hatten sie schon Deutschland verlassen müssen oder waren kurz davor. Mich treibt das Interesse, sie nach so langer Zeit wenigstens ein bißchen kennen zu lernen und etwas über ihr Leben als frühere MitbürgerInnen und jetzige KollegInnen zu erfahren und bedankte mich für ihre Offenheit, mich in ihr Haus einzuladen. – So etwa begannen unsere ein- bis mehrstündigen Gespräche. Die Begegnungen waren meist sehr vertrauensvoll und bewegend; nicht selten flossen Tränen. Und nach den offiziellen Interviews ging es manchmal so weiter: „Schön, Joachim (manchmal auch Herr Wieler), jetzt hast du mir zugehört, meine Geschichte angehört. Es kam ja nicht oft vor, daß Leute aus Deutschland (oder Österreich) sich nach dem Krieg für unser Schicksal und unsere Erfahrungen interessierten. Sie redeten oft davon, wie ‚dreckig’ es ihnen im Krieg und nach dem Krieg ergangen war und wie froh wir sein sollten, damals davon gekommen zu sein…“ Diese Erfahrung nur auf sich selbst bezogen und dazu mit Apathie und aggressiver Wehleidigkeit (Bröckling 1993) aus dem Nachkriegsdeutschland hatten offenbar sehr viele der interviewten KollegInnen gemacht. Manche von ihnen waren zurückhaltend geworden. – Als ich dann nach näherem Kennenlernen verlauten ließ, daß meine Mutter mit uns fünf Kindern aus der Danziger Gegend auf die Flucht nach Dresden gegangen war, kam dann oft die Frage, ob diese eigene Fluchterfahrung nicht womöglich meine tiefere Motivation gewesen sei. Dann mußte ich erzählen, und das ging mir gelegentlich ebenfalls ‚unter die Haut’.

Zur Zusammensetzung der Befragten und der Beteiligten KollegInnen an den Portraits

Befragt wurden 20 Frauen (davon 13 deutscher Herkunft, 5 aus Österreich und 2 aus Polen. Eine der interviewten Frauen hat nachträglich die Einwilligung zur Veröffentlichung ihres Interviews zurückgezogen) und 15 Männer (davon 11 aus Deutschland, 3 aus Österreich und einer aus Polen). Es war nicht überraschend, als sich ohne vorheriges Wissen oder Planen herausstellte, daß die meisten der geflohene KollegInnen in dieser Befragung, jüdischer Herkunft sind. 

20 der Befragten waren nach verschieden langen Praxisphasen überwiegend als Lehrende für Sozialarbeit, Professors of Social Work, an den Universitäten tätig (7 über längere Zeit auch als DekanIn in Fachbereichen für Sozialarbeit, Departments of Social Work). Alle anderen sind oder waren PraktikerInnen mit unterschiedlich langen Berufszeiten in verschiedenen Praxisbereichen. Bei einigen überwiegt die Arbeit mit ImmigrantInnen und Flüchtlingen, und diese Arbeit wird von anderen nach Pensionierung ehrenamtlich fortgesetzt.

Mit wachsender Zahl der GesprächspartnerInnen wurde immer klarer: Eine sinnvolle Auswertung konnte und wollte ich nicht mehr im Alleingang leisten. Dies hatte ich bisher „im stillen Kämmerlein“ bei meiner Arbeit über Alice Salomon getan. Um also von eher einsamer zu gemeinsamer Erinnerungsarbeit zu gelangen, kam mir die Idee, dieses Projekt zusammen mit BerufskollegInnen zuende zu führen und möglicherweise fortzusetzen.

Wer aber würde sich an dem Projekt beteiligen und anhand des gesammelten Tonband- und sonstigen Materials Porträts verfassen, damit sie in einer gemeinsamen Veröffentlichung erscheinen könnten? Fachliteratur für soziale Arbeit wird meist von sozialarbeiterisch engagierten AkademikerInnen verwandter Wissenschaftsdisziplinen verfaßt, aber kaum von VertreterInnen der Berufsgruppe selbst. Um die Erinnerungs- und Publikationsarbeit auch einmal zu einem originären Projekt unserer Berufsgruppe zu machen, warb ich zunächst unter den Mitgliedern des sich gerade konstituierenden Deutschen Berufsverbandes der SozialarbeiterInnen, SozialpädagogInnen, HeilpädagogInnen (DBSH) um Mitarbeit. Dabei sollten keine überengen Regeln zum Verfassen dieser Porträts vorgegeben werden. Unterschiedliche Zugangsweisen zu den einzelnen Lebensverläufen und die individuellen „Handschriften“ der VerfasserInnen sollten in den Porträts sichtbar werden und das Buch auf diese Weise lesbarer machen.

Da die Interviews im Herbst der Wiedervereinigung Deutschlands geführt wurden, lag mir sehr daran, auch KollegInnen aus Ostdeutschland zu gewinnen. Daß ÖsterreicherInnen über ihre ehemaligen Landsleute schreiben, war selbstverständlich. Einige der AutorInnen mußten Englischkenntnisse haben, da fünf der Tonband-Interviews in englisch geführt wurden. Frauen sollten über Frauen und Männer über Männer schreiben. Von einer Ausnahme abgesehen ist dies auch geglückt. Die Arbeitsbereiche der Befragten und AutorInnen sollten möglichst aufeinander abgestimmt werden. Dies ist uns nur in begrenztem Maße gelungen. In zwei Fällen haben AutorInnen mit der Herausgeberin zusammen Porträts verfaßt und in einem Fall eine Befragte, die ihr Porträt eher als autobiographische Skizze verstehen wollte, in Kooperation mit einer Autorin.

Aufgrund meines Wechsels von Hessen nach Thüringen und den daraus entstehenden Herausforderungen und Belastungen sprang mir die Kollegin und Sozial-Historikerin Susanne Zeller bei, um aus den Porträts gemeinsam ein Buchprojekt zu machen.

Spätestens hier müßten nun die Porträts folgen. Doch sicherlich darf ich mit Verständnis dafür rechnen, daß man im Rahmen eines Aufsatzes den Lebensberichten so vieler Vertriebener nicht gerecht werden kann. Dafür sollen wenigstens einige Beispiele herausgegriffen und in Schlaglichtern angedeutet werden. Und ich bitte diejenigen um Verständnis, deren Erfahrungen hier nicht besonders hervorgehoben wurden, aber dennoch nachzulesen sind.

Wußten Sie schon…

daß Gisela Konopka, wohl eine der renommiertesten Sozialarbeiterinnen, deren Bücher in verschiedene Sprachen übersetzt wurden, im Untergrund gegen den Nationalsozialismus kämpfte und zweimal von der Gestapo verhaftet wurde, bevor sie 1941 auf vielen Umwegen die USA erreichte und dort Professorin für Sozialarbeit wurde? – Ist es nachvollziehbar, daß Louis Lowy, in München geboren, wesentliche Ideen für die soziale Gruppenarbeit als junger Mann und Barackenältester in Theresienstadt entwickelte, da frontales, d.h. damals gängiges Unterrichten der Jugendlichen mit Todesstrafe bedroht war? Er und einer dieser Jugendlichen, Vern Drehmel, haben aufeinanderfolgende tätowierte Auschwitz-Nummern auf den Unterarmen. Vern, klinischer Sozialarbeiter in privater Praxis in California, verehrt Louis Lowy als Vater, Lehrer und Vorbild (Greenhouse Gardella 2012). – Wer wußte schon, daß Sophie Freud, die Enkelin von Sigmund Freud, Sozialarbeiterin und Professorin in Boston ist und was die Gesellschaftsbezüge der Psychoanalyse betrifft, weit über das traditionelle klinische Verständnis ihres Großvaters hinausgeht? – Werner Boehm, der in Oberfranken geboren ist und nach seiner Flucht in Frankreich promovierte, bevor er in den USA wohl einer der einflußreichsten Sozialarbeiter wurde, ist kürzlich mit dem Ehrendoktortitel der Tulane University gewürdigt worden. Dort hatte er Sozialarbeit studiert. Er war ebenfalls 1994 in Erfurt und beriet unser Kollegium beim Aufbau eines neuen Fachbereiches Soziawesen. – Ilse Eden, geborene Salomon, lebt jetzt in der Nähe von San Francisco. Ihre Mutter hatte bei Alice Salomon in Berlin studiert. Sie ist in der dritten Generation Sozialarbeiterin und war die Hüterin der Memoiren ihrer Großtante Alice, bevor sie schließlich mit dem Titel „Charakter ist Schicksal“ 1983 veröffentlicht wurden. Auch sie war in Erfurt an der Fachhochschule und referierte über ihre Begegnungen mit Alice Salomon und über sozialarbeiterischen Erfahrungen aus der Generationen-Perspektive. –

Anne Fischer, Henry Maier, Marianne Welter und einige andere waren nach 1945 zeitweise wieder zurückgekommen, um die soziale Arbeit in Deutschland nach dem Zusammenbruch wieder aufzubauen. – Kurt Reichert, einst als Schauspieler und Regisseur bei Max Reinhardt ausgebildet, wurde der Vorsitzende des amerikanischen Berufsverbandes „National Association of Social Workers“, Dekan einer „School of Social Work“, und nach seiner Pensionierung steht er wieder auf der Bühne! – Ursula Gerhart, über Shanghai in die Vereinigten Staaten geflohen, war zuerst Pilotin und in der Hühnerzucht tätig, bevor sie Sozialarbeiterin und Professorin wurde. – Louis Frydman, einer der Professoren während meines Studiums der Sozialarbeit in Kansas, überlebte als Kind das Warschauer Ghetto und nach mehreren Konzentrationslagern auch den Todesmarsch kurz vor Kriegsende. Neben seiner Lehrtätigkeit setzt er sich heute konkret für eine radikale Psychiatrie-Reform ein. – Lotte Seelig-Prager sah den Berufswechsel von der Lehrerin zur Sozialarbeiterin als Erweiterung an. – Diese Aufzählung, natürlich sehr subjektiv, könnte auf die gesamte Gruppe ausgedehnt werden. – In der Diskussion um eine Sozialarbeitswissenschaft hat sich Hans Falck auch in Deutschland einen Namen gemacht. Die Annäherung zwischen ihm und seinem Porträt-Schreiber in Siegen war nicht einfach, führte aber schließlich zu einer Gastprofessur von Hans Falck an der Universität/Gesamthochschule Siegen und zu zahlreichen Vorträgen über sein bald in Deutschland erscheinendes Buch über das „Gemeinschaftsprinzip in der Sozialen Arbeit“ (Falck 1988, deutsch 1997).

Viele der Interviewten haben selbst umfangreich für die Soziale Arbeit geforscht und in deutsch und englisch veröffentlicht (Auswahl in Wieler/Zeller 1995, S. 312 ff.).

Anmerkungen zum methodischen Vorgehen

Dieses Projekt wurde als „Oral History“ begonnen, als Sammlung mündlich überlieferter Lebensverläufe, d.h. als narrative Interviews mit Tonbandaufzeichnungen. Es geht also nicht um stark strukturierte Interviews im Sinne von Frage und Antwort, sondern um jeweils etwa anderthalbstündige Gespräche, die bei den InterviewpartnerInnen zu Hause geführt wurden. Zur Einstimmung, also nicht zu einer zielgenauen Vorgabe von Fragen, wurde ihnen etwa zwei Wochen vor dem Interview ein dreiseitiger Katalog mit möglichen Themenbereichen – in Englisch und Deutsch – zugeschickt. Dabei wurde – hier nur ganz grob – nach möglichen Erinnerungen zu den folgenden Zeitabschnitten gefragt:

  • Was möchten Sie mitteilen über Ihre eigene und Ihre Familiensituation in den Jahren vor der Vertreibung?
  • Wie erlebeten Sie den wachsenden Druck nach 1933 und wie war es Ihnen möglich, darauf zu reagieren?
  • Wie verlief Ihre Flucht, und wie gestaltete sich das Einleben im Zufluchtsland kurz-, mittel- und längerfristig?

Während der Interviewphase, Oktober 1990 bis Februar 1991, waren drei Aufsehen erregende weltweite Bewegungen in aller Munde: Erstens die europäische Entwicklung und die Folgen von „Glasnost“ und „Perestroika“ – speziell die Vereinigung der DDR und der BRD bewegte die meisten der Befragten. Dazu kam zweitens die Spannung vor der Intervention westlicher Militärmächte am Golf, und dann drittens der Ausbruch des Golfkrieges 1991. Zur Zeit der Interviews schlugen die ersten Skud-Raketen in israelischen Orten ein, in denen einige der Interviewten Angehörige haben. Diese Ereignisse und die Reaktionen der Befragten sind in den Portraits nicht vertieft, aber dazu gab es vor und während der Interviews teils sehr bewegende Bemerkungen die zeigen, daß hier nicht nur über Vergangenes reflektiert wird. Es wird nochmals überdeutlich, wie aktuell die persönliche Betroffenheit sein kann, wenn damals Verfolgte noch immer und schon wieder um das Leben von Angehörigen bangen müssen. Die offenen und schwelenden Brandherde in der ganzen Welt und auf dem europäischen Kontinent zeigen immer wieder das gleiche Bild und die gleichen Herausforderungen, auf die die Soziale Arbeit reagieren muß. So hat es Salomon zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gesehen und uns herausgefordert:

„Nichts hat einen verheerenderen und zerstörenderen Einfluß auf das, was die Wohlfahrtspflege bezweckt, als der Unfriede, als der Krieg. Er hebt alles auf, was die soziale Arbeit erreicht… Deshalb müßten die sozialen Arbeiter die ersten sein, die friedliche Beziehungen zwischen den Völkern pflegen – internationale Verständigung anbahnen.“ (Alice Salomon 1928 in Wieler 1989, S. 71)

Einige übereinstimmende Anmerkungen und Einschätzungen

Wenn diese acht- bis zehnseitigen Kurzbiographien nicht nur eine Wiedergabe individueller und originärer Erfahrungen sein soll, sondern auch den Zugang zu einem Verständnis der strukturellen Bedingungszusammenhänge, dann möchte ich hier exemplarisch einige Themenbereiche nennen, die bisher besonders eindrücklich waren. Die getroffene Auswahl bezieht sich zwar auf zentrale Fragen der Flüchtlingsarbeit, ist aber lediglich eine Auswahl, die in verschiedene Richtungen erweitert werden kann.

Zu den religiösen Überzeugungen

Während allen Befragten ihre religiöse Herkunft seit der Kindheit bekannt war, verstanden sich nur wenige als orthodoxe Juden und ganz wenige – davon einige nur vorübergehend – als ZionistInnen. Einige erinnerten sich an gelegentliche Besuche in Synagogen. Die meisten beschreiben sich und ihre Familien als assimilierte Juden, wobei auch hier die Erfahrungen sehr variieren. So erinnern sich einige, daß sie zum ersten Mal nach dem Verlassen Deutschlands eine Synagoge betraten. Eine Frau ulkte über ihre Familie und ihre hessischen Nachbarn als „‚Schinke‘- und Matze-Juden“. Es gab auch christlich getaufte Juden, aber nur einer von ihnen gehört jetzt der Methodistischen Freikirche an. Einige standen den Quäkern und den Unitariern nahe und befürworten auch jetzt eine Offenheit gegenüber allen Weltreligionen. Die allermeisten betonten, daß sie durch die Diskriminierungen in besonderem Maße auf ihre religiösen Wurzeln zurückgeführt wurden.

Verstanden sich die Vertriebenen als eine geschlossene Selbsthilfegruppe?

Es war erstaunlich festzustellen, daß die Interviewten, als ich ihnen Namenslisten vorlegte, oft zwar die Namen anderer Betroffener kannten, aber oft nicht wußten, daß auch sie Eingewanderte waren. Einige wiederkehrende Erklärungen dafür: In den USA als typisches Einwanderungsland sind ja fast alle Ausländer gewesen. Da hat diese Frage nicht die Bedeutung wie in den Ländern ohne oder nur geringer Einwanderungszahlen – Gerade wir als sozial Engagierte hatten ein Interesse daran, uns auf sinnvolle Weise zu integrieren, und dabei spielte die Verbindung unter den Betroffenen nicht die Rolle, die sie spielen könnte, wenn die Benachteiligungen sehr extrem sind. – Wir sind uns nicht aus dem Weg gegangen, aber unser gemeinsames Schicksal der Vertreibung oder der Flucht hat uns nicht zu einer Gemeinschaft der LeidensgenossInnen gezwungen. Wir verstanden uns auch so und mußten auf die Lösung der anstehenden und immer wieder neuen Herausforderungen konzentrieren. Aus unserem Berufsverständniss heraus bemühten wir uns selbst um die Anpassung und Integration in unser neues soziales Umfeld.

Fluchterfahrungen als Berufsmotivation

Während einige der Porträtierten keine Verbindung zwischen ihren Erfahrungen als Verfolgten und der Berufswahl sehen, sprachen andere von einer unmittelbaren Verbindung oder räumen ein, daß es punktuelle Verknüpfungen gibt. Nicht wenige bemühen sich im Berufsleben und einige noch im aktiven Ruhestand um die Integration von Einwanderern, vor allem der Juden aus der ehemaligen Sowjetunion. Louis Lowy, wie bereits angedeutet, führt seine Motivation, seine späteren Bemühungen und Verdienste um die professionelle soziale Gruppenarbeit (vgl. Bernstein/Lowy 1975) auf seine ersten Erfahrungen mit Gruppenarbeit in Theresienstadt zurück. Als Barackenältester wollte er mit den ihm anvertrauten Kindern und Jugendlichen Aktivitäten durchführen, die angesichts der ausweglosen Situation das tägliche Leben erträglicher machen sollten. Frontalunterricht war mit Todesstrafe bedroht, und so dachte er sich Aktivitäten wie Theateraufführungen und Rollenspiele aus, die dazu beitragen konnten, mit etwas Freude flexibles Rollenverhalten einzuüben, das dazu beitragen sollte, den nächsten Tag zu überleben.

Welchen Einfluß hatten die befragten Flüchtlinge und ihre Erfahrungen aus Europa in den USA?

Die Interviewten drückten sich bei dieser Frage eher zurückhaltend aus. Einschätzungen beziehen sich im wesentlichen auf die Sozialpolitik einerseits und andererseits auf die Ausweitung der klinischen Sozialarbeit.

Fast ausnahmslos nannten die Befragten die sozialpolitischen Errungenschaften der europäischen Sozialdemokratie, die sie als Einwanderer in die USA mitgenommen hätten. Die Bereitschaft wäre nach der Wahl Roosevelts im Jahre 1932 für diese Einflüsse vorhanden gewesen, aber die Resultate seien letztendlich schwer einzuschätzen. Immerhin habe es mit oder ohne die Einflüsse der EuropäerInnen einen merklichen Ruck in Richtung Wohlfahrtsstaat gegeben, der die Einführung grundlegender sozialer Gesetze begünstigte, so z.B. den „National Housing Act“ von 1934 und den „Social Security Act“ von 1935 (vgl. Wieler 1987, 230 ff.).

Empfehlungen der Interview-PartnerInnen an die europäische Sozialarbeit

Angesichts schrumpfender Sozialetats während der letzten US-Administrationen und einer gleichen Tendenz in den westlichen Industriestaaten Europas, äußerten sich einige der Befragten geradezu beschwörend, trotz der Ideologiewende die kollektiven oder sozialistischen Werte nicht allesamt über Bord zu werfen, wie dies nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme zu beobachten sei. Sie warnten sehr eindrücklich die ost- und westeuropäischen Staaten vor der einsetzenden Privatisierung der Sozial- und Gesundheitsdienste. Sie wünschen Europa angesichts einer erneut um sich greifenden Individualisierung weiterhin auch ein ausgeprägtes kollektiv orientiertes Verantwortungsbewußtsein und diejenigen, mit denen ich seit Jahren weiteren Kontakt pflege, warnen heute eher vor der Verbreitung des Neoliberalismus.

Diejenigen, die nach dem Krieg an der Aufbauarbeit der sozialen Dienste und an der Ausbildung in Europa beteiligt waren, hatten ein differenziertes Bild der berufspolitischen Situation der europäischen Sozialarbeit. Sie kannten auch den Mangel an BerufsvertreterInnen in der Ausbildung und wenn sie vertreten waren, den häufig geringer angesehenen oder bewerteten Status von SozialarbeiterInnen als MethodendozentInnen, die für die Praxis zuständig seien. In Deutschland sind dies meist die sogenannten LehrerInnen für besondere Aufgaben an den Fachhochschulen.

Wenn die Ausbildungsstätten also eine wesentliche Instanz zur Entwicklung einer beruflichen Identität sein sollen, dann müßte damit im Studium begonnen werden. Um die Entwicklung einer beruflichen Identität zu gewährleisten, müßte die Mehrzahl der Lehrenden VertreterInnen derjenigen Berufsgruppe sein, für die ausgebildet wird, und die Lehrenden anderer verwandter Disziplinen müßten sich stärker um das zentrale Anliegen der Sozialarbeit bemühen.

Zum Export/Import sozialarbeiterischer Methoden oder Arbeitsformen aus den USA

Die Frage nach dem immer noch sehr kontrovers diskutierten Methodentransfer zwischen den Vereinigten Staaten und Europa (und eigentlich der ganzen Welt) war einer der Ausgangspunkte für diese Befragung. Für diese Fragestellung erschienen uns besonders die SozialarbeiterInnen kompetent, die nach dem Zweiten Weltkrieg entsprechende Angebote im Rahmen der „Re-Education“ (Umerziehung) gemacht hatten. Zu dieser Gruppe zählte nur etwa ein Drittel der Interviewten. Die Bedingungen, unter denen sie wieder nach Europa kamen, waren sehr unterschiedlich: Einige kamen gleich nach dem Krieg, als „Re-Education“ bzw. Umerziehung möglicherweise als etwas Aufgezwungenes verstanden wurde, andere in den fünfziger Jahren, als durch die Marshall-Plan-Hilfen mehr Offenheit für die Zusammenarbeit vermutet werden konnte, wieder andere noch später, als nach der Kuba-Krise und Vietnam-Krieg eine immer kritischer werdende Stimmung gegen fast alles, was aus den USA kam, sich breit machte. Hier eine zusammenfassende Aussage zu machen, wäre vermessen, doch dieses Thema verdiente es, noch einmal gezielter aufgegriffen zu werden. Die Zeitdokumente stehen zur Verfügung. Die Diskussion sollte sinnvollerweise erweitert werden um die in Europa nie ernsthaft geführte Diskussion einer Methoden-Integration, wie sie im „Generic Approach“, in einer Zusammenschau der klassischen Arbeitsformen, in den USA entwickelt wurde, aber offenbar trotz eines Versuchs nicht so recht über den Atlantik nach Europa kam (Specht/Vickery.1980).

Bisher wurde fast ausschließlich nach dem nordamerikanischen Einfluß auf Europa gefragt.

Vielleicht wurde insofern immer die zweite vor die erste Frage gestellt. Falls nämlich meine Einschätzung stimmt, daß in den Vereinigten Staaten die Methodenentwicklung und die Entwicklung einer Sozialarbeitswissenschaft und damit der Professionalisierung insgesamt größere Fortgeschritte gemacht hat, dann liegt es möglicherweise mit an den Einflüssen der aus Deutschland und anderen Nazi-besetzen Ländern Vertriebenen, zu denen die befragten Kolleginnen und Kollegen zählen. Darüber, wieviel Einfluß sie auf die USA tatsächlich hatten, drücken sie sich eher bescheiden aus. Aber auch dazu gibt es einschlägige Schätze, die zu genaueren Analysen noch zu heben wären.

Nicht alle konnten wieder in ihre Heimatorte zurückkehren

Alle Flüchtlinge haben sich nach Kriegsende die Frage gestellt, ob und wann sie überhaupt wieder nach Europa zurückkehren sollten. Für die älteren unter ihnen drückt Alice Salomon stellvertretend wahrscheinlich das aus, was viele empfanden und erlitten hatten. Sie schrieb am 22. Mai 1945, zwei Wochen nach der Kapitulation, an eine Freundin:

„… niemand von uns wird je wieder das sein können, was wir waren … Ich habe nicht vor, wieder nach Europa zurückzugehen … Ich habe drüben auch kaum noch Verwandte. Meine Schwester und auch ein Neffe sind vor Jahren deportiert worden. Ich nehme an, daß sie nicht mehr am Leben sind … Außerdem bin ich kräftemäßig völlig verausgabt und könnte die Reise nicht überstehen. So ist es eben. Sorgen Sie sich nicht um mich. Niemand von Ihnen hatte es leichter als ich während der letzten Jahre. Was ich bedaure ist die Tatsache, daß es für mich ein wenig leichter gewesen wäre, wenn die amerikanischen Kolleg(inn)en etwas mehr Interesse gezeigt hätten. … In Liebe, immer Alice S.“ (Salomon in Wieler 1987, 367)

Salomon’s frühere Sekretärin und erste Biographin hatte es in den 1950-er Jahren so formuliert: „Die lebendige Kraft der Erinnerung allein kann für sie vollbringen, was ihr im Leben nicht mehr beschieden war und was sie wahrhaft gücklich gemacht hätte: eine geistige Heimkehr (Dora Peyser 1958, S. 121. Sie selbst hatte es nach Australien verschlagen). Diese geistige Heimkehr scheint für Salomon über die vergangenen Jahre hinweg gelungen zu sein, wenn wir an all die Arbeiten und Projekte denken, die seither entstanden sind. An dieser Stelle nenne ich exemplarisch drei umfangreichen Bände, in denen Alice Salomon selbst wieder zu Worte kommt und eine der letzten Veröffentlichungen zu Salomons frühen Visionen (Feustel 1997/2000/2004/2014).

Die Entscheidungen der einstmals Ausgegrenzten und Vertriebenen bezüglich einer Rückkehr – besuchsweise oder permanent – waren unterschiedlich. Ich selbst habe Freunde, die grundsätzlich und bis heute nicht mehr deutschen Boden betreten haben. Wir trafen uns – außer in den USA – trotzdem auf Umwegen in England und in Israel. Meinen früheren Dekan Arthur Katz aus der USA-Studienzeit, der meine Forschungen unterstützte, traf ich zufällig einmal in Jerusalem vor den bekannten Gobelins von Marc Chagall in der Knesset.

Davon abgesehen, daß die meisten Vertriebenen in Deutschland nach dem Krieg meist nicht sofort ein Zuhause vorgefunden hätten, blieben manche auf der Suche, z.B. der oben ztitierte Martin Gleisner war einer der ersten, der in ein jüdisches Berliner Seniorenheim zog, dessen sterbliche Überreste aber dann wieder in das Zufluchtsland USA überführt wurden, weil er im Grab neben seiner Frau seine letzte Ruhestätte finden wollte. Zu den Fragen und Erfahrungen des Neuanfangs jüdischer MitbürgerInnen in Deutschland gibt es mittlerweile neuere Untersuchungen (z.B. Bock/Weitzel-Polzer 2005).

Die bisherige Arbeit zu den vertriebenen SozialarbeiterInnen, die für mich und die beteiligten KollegInnen mit dem Erscheinen der Kurzbiographien einen Höhepunkt gefunden hatte, schlug nach der „Wende“ und nach meinem Neuanfang im Osten Deutschlands ertaunliche Blüten.

IV

Die Suche nach vertriebenen KollegInnen blieb keine akademische Übung.

Vielleicht sollten wir vorsichtig bleiben mit dem Versöhnungsbegriff, aber es haben sich allemal viele neue Kontakte und Freundschaften ergeben, die zumindest in diese Richtung deuten. Es ist nicht meine Intention, diese wohl eher begrenzten Erfahrungen zu einer Bewegung zu deklarieren, doch um zu zeigen, was selbst im begrenzten Rahmen möglich ist. In einer Rezension, weil sie auch erst einige Zeit nach Herausgabe der Lebensgeschichten vertriebener KollegInnen erschien, heißt es:

„An der Fachhochschule Erfurt finden immer wieder Seminare, Workshops, Tagungen und Veranstaltungen statt, an denen ein älterer amerikanischer Gast, ein in seiner Jugend aus Deutschland vertriebener Sozialarbeiter, als Dozent, Hauptredner oder Lehrbeauftragter teilnimmt. Zunächst aus Neugier, später dann mit festem Interesse, haben an solchen Veranstaltungen immer mehr interessierte Studenten und Kollegen teilgenommen, die die Begegnung nicht nur mit Vertretern amerikaniscvher Social-Work-Auffassungen, sondern mit einem Stück deutscher Geschichte gesucht (und gefunden) haben. – Verfolgung durch den Nationalsozialismus als Biographie, als erzähltes Leben ist mehr und etwas anderes als das, was Dokumente, Bildungsmaterial, Filme etc. jemals sein können.Was das eine mit dem anderen zu tun hat, also die Lebenslage als verfolgter Jude/Jüdin mit dem Beruf, der Profession Sozialarbeit, das zeigt sich, wenn auch immer wieder gebrochen, quasi en passent in den erzählten Lebensgeschichten…“ (Gröning 2001, S. 101).

Neun der vertriebenen KollegInnen, zwei Frauen und sieben Männer, kamen auf eigene Kosten aus den USA zu uns an die Fachhochschule Erfurt und beteiligten sich in unterschiedlichen Funktionen und meistens zu entwicklungsgeschichtlichen Themen an Lehrveranstaltungen zur Geschichte der Sozialen Arbeit – immer in Verbindung zu ihren eigenen Erfahrungen in beiden Ländern. Sophie Freud war mehrere Male in Erfurt. Sie bot wiederholt Seminare für klinische Sozialarbeit an und hielt 1992 einen öffentlichen Vortrag in der großen Aula der ehemaligen SED-Parteischule mit dem Thema: Der Weg ist das Ziel. Werner Boehm, Federführender für die Reform der sozialarbeiterischen Ausbildung in den USA der 1950-er Jahre, verbrachte mehrere Wochen bei uns als Konsultant bei der Gründung unseres neuen Fachbereichs.

Schon während des ersten Semesters 1991/1992 waren amerikanische Studenten aus dem Mittelwesten bei uns zu Gast, und unser Gegenbesuch führte uns im gleichen Sommer quer durch die Vereinigten Staaten. Von einigen der aus Deutschland vertriebenen KollegInnen wurde unsere Gruppe zu einer „Wiederbegegnung“ eingeladen. Sie sorgten teils für unsere Quartiere und stellten ihre Wohnungen zur Verfügung. Eine solche Studienreise mit Thüringer StudentInnen wiederholte sich 2004.

Ausnahmslos alle Befragten hatten mir die ausdrückliche Erlaubnis gegeben, ihre Kontaktdaten, die Interviews und weitere Materialien auch weiteren Interessierten zur Verfügung zu stellen. So führten besonders die Kontakte zwischen den Vertriebenen und den deutschen KollegInnen, die es übernommen hatten, die Biographien zu schreiben, zu weiteren Begegnungen. Sie hatten sich zur Klärung von Fragen miteinander in Verbindung gesetzt, und manche dieser Kontakte führten zu gegenseitigen Besuchen in den USA und in Deutschland. – Auch die BiographInnen untereinander trafen sich, eine ganze Reihe zu einer Art Jubiläum in Weimar, um über gemachte Erfahrungen und mögliche weitere Schritte auszutauschen. Auf diese Weise wurden Inhalte vertieft und in die Breite transportiert.

Ähnliche Kontakte entwickelten sich durch Seminare, die ich seit 1991 regelmäßig über Biographiearbeit und anhand der Kurzbiographien durchführte. Studierende stellten vertriebene SozialarbeiterInnen vor, und eine ganze Reihe der Studierenden setzte sich mit den Interviewten in Verbindung. Manche Studierende waren sichtlich berührt, wenn sich auf der anderen Seite des Atlantiks jemand mit deutschem Akzent oder gar mit deutscher Stimme meldete oder auch Briefe und Emails beantwortet wurden. In einer meiner letzten Veranstaltungen zum Thema hatte es einer der Studierenden fertig gebracht, Auszüge aus der Abschlußvorlesung eines besonders engen Freundes, Henry Maier, renommierter Professor für Soziale Arbeit an der Universität von Washington in Seattle, USA, zu übertragen und bei seinem Referat 2012 in Jena vorzuspielen.

Meine Untersuchungen über die teils sehr bekannten KollegInnen in den USA konnte ich bei Besuchen dort an verschiedenen Hochschulen vorstellen. Das größte Problem für die meisten amerikanischen KollegInnen: das Buch gibt es nur in deutscher Sprache. Doch mittlerweile erscheinen auch amerikanisch-englische Bücher, die ebenfalls zu Kooperationen mit dem Thema Flüchtlinge und Holocaust führen können. Ein solches Buch über Louis Lowy (Greenhouse Gardella 2012), das bei einer meiner Vorstellungen in den USA auf den Weg gekommen war, sollte dort am Abend des 9. November 2012, in Erinnerung an die Pogromnacht, feierlich vorgestellt werden. Wir wußten das und stellten es in Erfurt und in Jena in entsprechenden Lehrveranstaltungen ebenfalls vor, sammelten Reaktionen und Unterschriften, die – um 5 Stunden zeitversetzt – bei der Feierlichkeit in den USA auf einer Leinwand eingespielt wurden – offenbar zur Überraschung und Freude der TeilnehmerInnen an der Buchvorstellung in den USA.

Diese Auswirkungen, so sehr es sich hier um punktuelle Beispiele handelt, zeigen, daß der Umgang mit dem Thema Migration und Flüchtlingsarbeit nicht nur ein wissenschaftlich-akademisches Anliegen ist, das es nicht nur abstrakt um Desintegration und Integration geht, sondern daß nach schmerzlichen Trennungen auch wieder konkrete Annäherungen möglich sind. Deswegen wird die Diskussion nicht enden können.

Wege zur Erweiterung und Vertiefung der Erinnerungsarbeit

Wenn es sich hier auch primär um transatlantische Projekte gehandelt hat, so gibt es ähnliche Bemühungen bezüglich anderer Zufluchtsländer und damit allen Grund zu einer internationalen Erweiterung entsprechender Forschungen.

Die umfassendsten Sammlungen zu Alice Salomon und allen mit ihr verbundenen Themenbereiche werden Interessierte im Alice-Salomon-Archiv in Berlin finden (http://www.alice.salomon-archiv.de/alice/literatur.html), das der Alice-Salomon-Hochschule Berlin angegliedert ist.

Eine Vertiefung, bezogen auf die Befragten des skizzierten Interview-Projekts bietet sich über das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen in Berlin an (www.dzi.de). Die Portraits basieren auf teils sehr umfangreichem und unterschiedlichem Material, das hier nur angedeutet wurde und weiterhin zur Verfügung steht. Alle Interviews sind mitlerweile digitalisiert. Neben den CD-s der Interviews handelt sich teils um

– Transkripte der Interviews,

– tabellarische Lebensläufe (Curricula Vitae),

– teils sehr umfangreiche Bibliographien (die im Literaturverzeichnis nur

auszugsweise wiedergegeben werden können),

– kürzere Publikationen (die umfangreicheren sind über das DZI generell zugänglich),

– Zeitdokumente verschiedener Art,

– Bilder und

– Anschriften der Interview-PartnerInnen, soweit sie noch aktuell sind.

Die schriftliche Genehmigung der Interviewten zum Gebrauch der vorliegenden Materialien und Adressen liegt vor.

Die Literaturliste zu den Migrationsfragen ist zwar nicht vollständig, aber trotzdem relativ umfassend, weil sie – über die Jahrzehnte hinweg – als Quellenmaterial ergänzt wurde und insofern zukünftig eine wesentliche Rolle spielen könnte.

Zusammenfassung und Ausblick 

Durch die gelungenen konkreten Begegnungen mit den vertriebenen KollegInnen kam für alle Beteiligten Hoffnung auf. Sie ist auch noch lebendig, weil sich gezeigt hat, welche Entwicklungen möglich sind, wenn man ein Thema aufgreift und sich aktiv damit beschäftig. Durch das Sterben der ZeitzeugInnen, wie wir es seit Ende des Buchprojekts zu spüren bekamen, gibt es diese konkreten Begegnungen bald nicht mehr. Wie wird diese Erinnerungsarbeit also fortgeführt werden können?

Es bleibt nicht aus, daß es im Wandel der Zeit immer wieder Höhen und Tiefen geben kann. Ich projiziere hoffentlich nicht zuviel von meiner eigenen Einschätzung, daß wir uns momentan und hinsichtlich der Großwetterlage der Migrationsbewegungen in einem Tief befinden, d.h. in einer besonders brisanten Situation. Trotz der erfreulichen Phase der persönlichen Wiederbegegnungen lassen sich Veränderungen in der Gesamtentwicklung bezüglich der Flüchtlingsarbeit feststellen, die mir ernsthafte Sorgen machen.

Was einmal in Deutschland als Dankesschuld gegenüber den aufnahmewilligen Ländern bezüglich unserer vertriebenen Landsleute verstanden wurde, nämlich die Offenheit für Flüchtlinge aus Deutschland und anderen Nazi-besetzten Ländern, scheint sich, um beim Begriff zu bleiben, stark ‚verflüchtigt’ zu haben. Dagegen zeigt sich, daß in der Regel ärmere Länder ganz offensichtlich bereitwilliger sind, nicht nur akut gefährdeten Menschen – wie gerade aus Syrien – selbst unter ärmlichen Bedingungen unter die Arme zu greifen, während wir uns in den reichen Industrienationen hinter fragwürdigen Übereinkommen verstecken.

Als die Flüchtlingsnot in den 70-er und 80-er Jahren in Asien besonders groß war, wurden dort viele Bootflüchtlinge, die sogenannten „Bootpeople“, von der deutschen Cap Anamur und weitentfernt von Deutschland aus dem Meer gefischt. Darüber wurde in Deutschland auch viel berichtet – gefolgt von Einreiseerlaubnissen. Heute, wo Hunderte von gefährdeten Flüchtlingen auf ein Überleben in Europa hoffen und im Mittelmeer um Lampedusa ertrinken, gibt es zwar mutige Versuche kleinerer und auch deutscher Boote – doch sie sind in den Hoheitsgewässern der EU-Zufluchtsländer nicht willkommen und wurden sogar bei der Rettungsarbeit behindert. Eine europäische Einigung und Lösung des Problems ist gewiß nicht einfach und deshalb auch noch nicht in Sicht. Dies halte ich für einen Skandal, aber ich muß mich selbst auch fragen lassen, was ich dazu konkret zu unternehmen gedenke. Denn ein Buchbeitrag mag sich, falls er einleuchtend erscheint, einigermaßen gut lesen lassen, aber ob der dann auch zu Taten führt, ist eine Frage der Anwendung und nicht nur des Wissens. Also welche Konsequenzen kann das Wissen für eine anwendungsbezogene Wissenschaft und Profession für uns in der Sozialen Arbeit haben?

Soeben erhielt ich die freundliche Einladung zu einer Dialog-Werkstatt mit dem interessanten, aber auch mehrdeutigen Titel: Reich durch Einwanderung. Fragen: wer ist bereits reich und wer könnte hier wenigstens ein bißchen reicher werden? Geht es um Reichtum im wirtschaftlichen oder im zwischenmenschlichen Sinne? Soll durch den Titel vielleicht konstruktiv provoziert werden? Die Begriffe „Gegenseitige Bereicherung – oder vielleicht geteilte Beschränkung?! – durch Einwanderung“ scheint mir der dialogischere Ansatz zu sein. Die wahrscheinlich mindestens so wesentliche Frage dürfen wir uns vor einem Spiegel stellen: Was werde ich tatsächlich und weiterhin unternehmen, um in mir, in unserer Gesellschaft und in unserer Berufsgruppe das Anliegen aktiv am Leben zu halten?

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Autor

Prof. em. Dr. phil. Joachim Wieler, Dipl.Soz.Arb. (FH) und Master of Social Work (MSW/ACSW), Fachhochschule Erfurt – University of Applied Sciences. Lehrbeauftragter der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Studium und Praxisjahre in Deutschland und in den USA. Lehrgebiete: Methoden und Institutionen Sozialer Arbeit, Berufsgeschichte und Internationale Soziale Arbeit. Anschrift: Merketalstrasse 19, D-99425 Weimar, Tel/Fax 03643-503217, Email: wieler@fh-erfurt.de

Unveröffentichtes Manuskript (im April 2014 für den DBSH geschrieben und evtl. als Beitrag für ein NOMOS Buchprojekt vorgesehen)