Thesen zur Flüchtlingsarbeit in Deutschland –

Das folgende Thesenpapier wurde verfasst als Beitrag für die Podiumsdiskussion des Sumner Gill Memorial Plenary auf dem Symposium der IASWG im Juni 2016 in New York mit dem Titel:
Welcoming Newcomers: Social Groupwork with Immmigrants, Migrants and Refugees

Es existiert auch in englischer Übersetzung.

Verfasst von Klaus-Martin Ellerbrock im Mai 2016 Thesen zur Flüchtlingsarbeit in Deutschland –
unter Einbeziehung der Erfahrungen von Louis Lowy

Die folgenden Thesen sind vor dem Hintergrund der sogenannten Flüchtlingskrise in Europa und unserer gleichzeitigen Beschäftigung mit den Erfahrungen Louis Lowys, wie Lorrie Greenhouse Gardella sie in dem Buch „Life and Thought of Louis Lowy – Social Work throughout the Holocaust“ beschrieben hat, entstanden.
Am Ende der Tagung „Über-Leben in Gruppen“ am 19. November in Köln, in der das Buch von Lorrie Gardella vorgestellt wurde, stellte ich dem Leiter des Workshops „Social Groupwork in der Arbeit mit Geflüchteten“, dem Vorsitzenden des Kölner Flüchtlingsrates, die Frage, welche Rolle aus seiner Sicht die Hoffnung in der Arbeit mit Geflüchteten in den Unterkünften spiele. Seine Antwort schockierte mich als er feststellte: In diesen Unterkünften können die Menschen keine Hoffnung haben!
Die wichtigste und zentrale Botschaft des Erbes von Louis Lowy ist, dass Groupwork dann emanzipatorisch und Ressourcen orientiert arbeiten kann, wenn ihr Hoffnung und Liebe zu den Menschen innewohnen. Es ist die Hoffnung, die es Menschen ermöglicht, in Krisensituationen dennoch das eigenen Leben in die Hand zu nehmen:

Der Kontext der sog. Flüchtlingskrise
1. Die Welt erlebt derzeit mit über 60.000.000 Flüchtlingen die schärfste Flüchtlingskrise seit dem zweiten Weltkrieg. Vielfältige Gründe sind für die Flucht in den unterschiedlichen Ländern entscheidend: Unterdrückung und Missachtung der Menschenrecchte, Krieg und Katastrophen. Dabei wollen wir nicht vergessen, dass auch die Politik der reichen Länder, darunter Deutschland, durch Ausbeutung weitflächiger Landstriche, die Landvertreibung kleiner Bauern durch multinationale Agrarkonzerne, den rücksichtslosen Waffenhandel mit menschenrechtsverachtenden und häufig unstabilen Regimen, ihren militärischen destabilisierenden Interventionen in verschiedenen Regionen der Welt und nicht zuletzt durch den von der Wachstumsdoktrin verursachten Klimawandel Millionen Menschen entwurzeln und ihrer Lebensgrundlagen berauben.
Aus diesem Verständnis heraus empfinden wir als deutsches Chapter es nicht als Großzügigkeit der Politik Deutschlands, dass im letzten Jahr ca. 1/60stel der Flüchtlinge der Welt aufgenommen hat. Es handelt sich eher um die notwendigerweise andere Seite einer Profit orientierten Politik, für die Deutschland die Rechnung präsentiert bekommen hat.
2. Gleichwohl sind in Deutschland im Vergleich zu anderen Europäischen Ländern viele Geflüchtete angekommen und es streben noch immer viele diesem Ziel zu. Und gleichzeitig erlebt das Land eine nie gekannte Welle der Willkommenskultur mit einem breiten bürgerschaftlichen Engagement für Neuzuwanderer. Verbunden mit diesem Prozess ist eine Entwicklung der interkulturellen Öffnung der Gesellschaft und ihrer Institutionen, die jedoch nicht ohne Widerstände und Rückschläge auskommt.
3. Die Politik der Europäischen Staaten und darunter Deutschlands zielt auf eine zahlenmäßige Reduzierung der Migrationsströme in Europa, bzw. Deutschland ab. Die dafür eingesetzten Mittel sind die Schließung der Balkanroute, die Unterscheidung zwischen sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen und Schutzsuchenden im Sinne der Genfer Konvention, die Erklärung von weiteren Staaten zu „sicheren Herkunftsstaaten“ und eine massive Verschärfung der Abschiebepraxis. Alle diese Maßnahmen höhlen das Asylrecht aus und gehen z.T. hinter die Standards der Genfer Flüchtlingskonvention zurück. Die aktuellen Zustände in den Aufnahmelagern in Griechenland sind dafür beispielhaft.

Flüchtlingspolitik als Teile und Herrsche
4. Innerhalb Deutschlands wird seit Herbst letzten Jahres mit der medialen Aufmerksamkeit für rechtsradikale, populistische und rassistische Minderheiten eine Konkurrenz zwischen den Flüchtlingen und ärmeren ansässigen Bevölkerungsteilen geschürt. Die aktuelle Flüchtlingskrise macht die Mängel der Sozial-, Wohnungs-, Gesundheits-, Sicherheits- und Bildungspolitik besonders deutlich, da die fortgesetzte Austeritätspolitik zu einer Unterminierung der infrastrukturellen Ressourcen geführt hat, die angesichts der aktuellen Herausforderungen die Verknappung überdeutlich machen. Insbesondere im sozialen Wohnungsbau hat die neoliberale Politik zu einer Verknappung bezahlbaren Wohnraums geführt, die für arme Bevölkerungsgruppen Existenz gefährdend ist. Statt einer angemessenen Ausweitung der staatlichen Ressourcen mit Hilfe stärkerer Besteuerung der wirtschaftlich Mächtigen und Profiteure der globalisierten Wirtschaft besteht die deutsche Bundesregierung auf einer Fortsetzung des Sparkurses. Die Folge ist eine verschärfte Konkurrenz unter den Armen, den auf lange Sicht von wirtschaftlicher und sozialer Teilhabe ausgeschlossenen und den Geflüchteten.
Veränderungen in der Sozialen Arbeit durch Einwanderung
5. Die Deutsche Gesellschaft hat sich seit dem Wideraufbau und seit der Widervereinigung als eine multikulturelle Einwanderungsgesellschaft entwickelt. Die Aufnahmegesellschaft ist zu einem bedeutenden Teil von eigener Migrationserfahrung geprägt. Dazu gehören auch sich entwickelnde Strukturen (z.B. Migrantenorganisationen). So wie sich zu Beginn der Professionalisierung der Sozialen Arbeit methodische Ansätze im Kontext der Selbstorganisation der Bewohner ärmerer Stadtteile entwickelt haben, können wir in der Migrationsarbeit eine vergleichbare Entwicklung sehen. In Migrantenselbstorganisationen finden wir eine Vielzahl verschiedener Handlungsansätze, die die frühen Vorgehensweisen des Community Organizing und der sozialen Gruppenarbeit erneut hervorbringen. Social Groupwork muss die vorhandenen Strukturen der Migrantenorganisationen nutzen und stärken, um mit ihrer Hilfe die fachlichen Kompetenzen des Social Groupwork in diese Strukturen hineinzutragen.
6. Die Geschichte der sozialen Arbeit in Deutschland ist reich an Beispielen der Auswanderung und Vertreibung. Professor Joachim Wieler (Erfurt) hat diese in seinem Buch „Emigrierte Sozialarbeit“ (Freiburg i.B. 1995) beschrieben. Die Erfahrungen der in der Sozialarbeit tätigen US-Neubürger werden darin als schwierig und belastend beschrieben: Mitgebrachte Qualifikationen wurden nicht anerkannt. Der Erwerb der formalen Qualifikation war voller Hürden, während die zugewanderten Sozialarbeiter*innen in schlecht bezahlten Anstellungen bereits sozialen Aufgaben nachgingen.  Einen sehr ähnlichen Prozess erleben wir heute in Deutschland: Die Soziale Arbeit ist durch einen aktuellen Mangel an Fachkräften gekennzeichnet. Gleichzeitig fehlt es an Anstrengungen, Zugewanderten in sozialen Tätigkeiten einen gangbaren Weg in die Qualifikation anzubieten. Migranten sind häufig in prekären Beschäftigungen in ebenso prekären Organisationen tätig. Dabei hat die Soziale Arbeit eine Tendenz, die Faktoren und Entwicklungen, mit denen sie sich bei ihren Klienten auseinandersetzt, nicht auf sich selbst zu beziehen.

(An-)Forderungen an das Social Groupwork in der Flüchtlingsarbeit
7. Die Flüchtlingsarbeit ist aktuell weitgehend zu gering ausgestattet. Insbesondere die Unterbringung der Neuankömmlinge in Massenunterkünften stellt eine nicht hinnehmbare Verletzung der Rechte der Schutzsuchenden dar, die in der Folge Hoffnungslosigkeit und Depression bei den Geflüchteten erzeugt. Es ist insbesondere nicht hinnehmbar, wenn 200 und mehr Personen in einer Turnhalle ohne Unterteilungen und damit ohne jegliche Privatsphäre für Wochen und manchmal sogar Monate zusammengepfercht werden. Solche Zustände sind nur mit Hilfe von Sicherheitspersonal zu organisieren, während die Möglichkeiten der Selbstorganisation durch die Bewohner ausgeschlossen sind. Sozialarbeit kann unter diesen Bedingungen nicht an den Ressourcen der Klienten*innen ansetzen, sondern wird selbst zu einem Anhängsel eines Sicherheitssettings.
8. Sozialarbeit und insbesondere Social Groupwork sollten eindeutig Positionen im Interesse der Schutzsuchenden und Geflüchteten einnehmen. Das bedeutet vor allem, dass sie ihr methodisches Wissen und ihr fachliches Handeln in den Dienst des Empowerments und der Selbstorganisation und Selbstvertretung der Klienten*innen stellen oder dort, wo ein solches Handeln aufgrund der äußeren Rahmenbedingungen nicht möglich ist, entsprechende Standards einfordern.
9. Empowerment und Ressourcenorientierung in der sozialen Arbeit mit Geflüchteten bedeutet ihre Einbeziehung in die Konzeptionierung und Planung der nachhaltigen Integrationsprozesse als Experten ihrer Bedarfe.
Die Ermöglichung von Hoffnung und der Entwicklung von Perspektiven muss zu einem zentralen Merkmal der Einschätzung von Erfolgschancen des Social Groupwork werden und als solcher anerkannt werden.
Louis Lowy beschreibt für seine Arbeit im Displaced Person Center in Deggendorf die Einrichtung des Emmigrationsbüros als ganz zentral für die Aufrechterhaltung der Handlungsfähigkeit der Bewohner. Die konkrete Arbeit an den Perspektiven, das Bereitstellen von Papieren, das Angebot von vorbereitendem Sprachunterricht, die Beschäftigung mit den Ländern, die eine Einwanderungsperspektive bieten, all das trug zur Stärkung und Ermutigung der Bewohner bei. Ermutigung ist in diesem Sinne nicht mit gutem Zuspruch erreicht. Es geht um die Organisation von Strukturen und Handlungsmöglichkeiten, die vermitteln, dass die „displaced Person“ an ihrer Zukunft arbeiten können.
In diesem Sinne besteht die vorrangige Aufgabe des Social Groupwork darin, mit den Geflüchteten gemeinsam die Voraussetzungen für diese Ermutigung zu schaffen.

Social Groupwork und bürgerschaftliches Engagement
10. Groupwork im historischen Kontext eines breiten bürgerschaftlichen Engagements, bedeutet auch, dass Groupwork sich auch den „Helfern“ zuwenden muss. Groupwork hat hier die Aufgabe, die Entwicklung von interkultureller Kompetenz zu unterstützen, die eigene Rollendefinition der Engagierten zu begleiten und die Auseinandersetzung mit den und Überwindung von Phänomenen des Paterenalismus, des Helfersymdroms und des Kulturkolonialismes zu fördern.
Das beachtliche ehrenamtliche und bürgerschaftliche Engagement in den Willkommensinitiativen, wie in vielen anderen Bereichen, die sich für Geflüchtete in Deutschland einsetzen, sollte gestärkt werden. Es ist eine gute Voraussetzung für die Öffnung der Gesellschaft für eine Kultur der Vielfalt und der Toleranz. Dabei ist es wichtig, dass auch die Herausforderungen, die in diesem Engagement liegen, klar erkannt und benannt werden. Dies sind insbesondere Tendenzen zu Paternalismus, Entmündigung und „Wir-und-Die“-Beschreibungen. Die Arbeit der Willkommensinitiativen entwickelt sich aus Prozessen der Selbstorganisation. In diesen ist das Wissen um Gruppenprozesse und Methoden des Social Groupwork sehr hilfreich.
11. Konflikte gehören zum normalen gesellschaftlichen Alltag. Sie sind auch in einer Willkommensstruktur nicht vermeidbar und dies ist auch nicht anzustreben. Das Social Groupwork hat einen konzeptionellen Rahmen, wie der Umgang mit Konflikten für die Beteiligten gewinnbringend gelernt und gestaltet werden kann
In der gegenwärtigen Diskussion wird immer wieder der Anspruch formuliert, dass Geflüchteten die Werte der europäischen demokratischen und aufgeklärten Gesellschaft vermittelt werden sollen. So verständlich diese Argumentation ist, erzeugt sie in der Beziehung zwischen Groupworkern und Geflüchteten eine „Wir und Die“ Beschreibung, mit der das Groupwork die Basis der Beziehung auf Augenhöhe verlässt- Das Groupwork braucht den Mut, in der Gruppenarbeit gemeinsam neue Werte auszuhandeln. Die Werte der demokratischen, aufgeklärten Einwanderungsgesellschaft können nur das Ergebnis eines Aushandlungsprozesses sein.  Social Groupwork kann gezielt Prozesse dieser Aushandlung im unmittelbaren Umfeld der Geflüchteten initiieren und ggf. moderieren. Sie finden bereits in Begegnunsräumen und Projekten im Umfeld der Flüchtlingsunterkünfte stattt.

Konklusion:
Louis Lowy war selbst Überlebender des Holocaust und Bewohner eines Displaced Person Centers. Als Vorsitzender des Selbstverwaltungskommitees in Deggendorf hat er die Interessen seiner Mitüberlebenden nicht aus dem Blick geraten lassen. Er war aber immer auch selbst Betroffener. Handeln für die Bewohner des DPC Deggendorf war Community-Organizing und Selbstvertretung. Es war gleichzeitig soziale Arbeit im Alltag und politische Interessenvertretung.
Im Alltag ist es geprägt von Beziehungsaufnahme, Liebe zu den Menschen, Respekt vor Ihren Ressourcen und ihren Bedürfnissen und der Überzeugung, dass eine bessere Welt möglich ist.
In einem größeren Zusammenhang bedeutet es, auch die politische Dimension der Verhältnisse nicht aus dem Blick zu verlieren. Ansonsten droht die Bemühung um Hoffnung zur Beschwichtigung zu werden.
Angesichts der aktuellen Migrationsbewegungen kann Social Groupwork am Aufbau einer Gesellschaft der Vielfalt mitwirken. Wenn es diese Perspektive ernst nimmt, wenn es Empowerment und Ermutigung konsequent anwendet, werden Groupworker*innen zu Subjekten in diesem historischen Prozess.

Anmerkungen:
Geflüchtete bleiben lange in der Abhängigkeit von Behörden, da die Bearbeitung von Anträgen aufgrund von Personalmangel sehr lange dauert. Der Mangel an Ressourcen z.B. an Schulplätzen und die gleichzeitige Doktrin, das Unterricht nur durch Schule und in Schule stattfinden darf, führt zu langen Wartezeiten. Hier sind Ressourcen für die Entwicklung von Selbsthilfe wichtig, ohne damit z.B. den Anspruch auf Beschulung auszuhebeln.

Die Anforderung der political correctness, die mit der Forderung nach der Respektierung kultureller Besonderheiten gleichzeitig jede kritische Auseinandersetzung mit den Konsequenzen dieser Unterschiede tabuisiert, verweigert so die konkrete Beziehungsaufnahme zu Gruppen von Geflüchteten. Die Repräsentanten der Aufnahmegesellschaft sind als Subjekte nicht mehr erkennbar.
Lorrie Greenhouse Gardella beschreibt diese Frage auch in ihrem Buch „Life and Thought of Louis Lowy – Social Work throughout the Holocaust“. Gegenüber der jungen Generation, die in den schrecklichen Jahren in den Vernichtungslagern keine Werte der erwachsenen Generation vermittelt bekommen konnten, musste im Displaced-Person-Center in Deggendorf genau dies nahegebracht warden. Es geschah aber nicht als eine Art Moral-Injektion, sondern durch die Erwachsenen, die ihren Alltag im DP-Lager selbst organisierten.
Mittel und Methoden des Groupwork können sein:
Klassische soziale Gruppenarbeit
Open-Space-Konferenzen
Soziale Aktion
Gruppenarbeit zur gemeinsamen Traumabewältigung
Aufbau von Arbeits- und/oder Wohnprojekten.
Flexibilität in den Standards der Sozialen Arbeit und ihre langfristige Sicherung.