Soziale Gruppenarbeit I CHRISTEN DÖLLSTÄDT (Mit Veränderungen und Ergänzungen von Heike Radtke)

Im Oktober 2013 trafen wir SGA-ler (Rentner) mit unserer 99jährigen früheren Chefin, Lisel Werninger zusammen. Auch Jürgen Kalcher, den einige von uns als Professor für „Group-Work“ kannten, war dabei. Lisel Werninger berichtete über ihre persönliche Vita, diesmal über die Weimarer- und die Nazi-Zeit und nicht wie sonst über die Soziale Gruppenarbeit. Von ihr kam die Motivation, die SGA in HH aufzubauen. Ein Vorläufer war dabei der ‚Hansische Jugendbund’ vom Elisabeth Sülau.

An diesem Nachmittag fragte uns Jürgen Kalcher, ob wir nicht etwas über die Zeit der Gruppenarbeit damals schreiben könnten. Es sollte für die Zeitung des deutschen Ablegers vom amerikanischen AASWG sein.

 

In den 50iger und 60iger Jahren ging es noch um die Beseitigung der Auswirkungen des Krieges. Für uns begann die Zeit des Aufbaus von Sozialen oder Sozialtherapeutischen Gruppen erst Ende der 60iger und 70iger Jahre. Unsere Forderung war „Chancengleichheit“ für benachteiligte Familien in den Brennpunktbezirken der Stadt. Ein Postulat, mit dem wir und insbesondere die Politiker gescheitert sind. Wir Kollegen der SGA vertraten ein breites Spektrum von politischen Strömungen, von den Kommunisten über Gewerkschaftler bis hin zu den Liberalen. Wir alle wollten wie auch die 68iger Bewegung, gesellschaftliche Veränderungen. Die Möglichkeit dazu sahen wir vor allem in der Sozialen Gruppenarbeit. Lisel Werninger beteiligte uns an den Entscheidungen für die Entwicklung der Gruppenarbeit und förderte den Austausch zwischen uns Mitarbeitern. Wir empfanden uns als ein Teil der Abteilung „Group-Work“, die sie aufgebaut hatte, – ein damals ungewöhnliches Verhalten in der Jugendbehörde – und sie unterstützte das als unsere Abteilungsleiterin. Einige unserer Kolleginnen oder Kollegen bauten Jugendclubs in den Bezirken auf, andere wollten früher ansetzen und arbeiteten mit Kindergruppen.

 

Was hat uns damals bewegt? Warum setzten wir uns nicht für „case-work“(Einzelfallhilfe) ein, die eine zentrale Rolle in der Jugendbehörde einnahm? Wir wollten nicht Einzelfallhilfe, sondern Veränderungen durch und in der Gruppe. Das strebten wir über die Förderung des Einzelnen und dessen Bewusstwerden über seine Stellung in der Gruppe an und nahmen damit Einfluss auf den Gruppenprozess selbst. Wir begannen mit der „SGA“ in Brennpunktgebieten, z.B. in Osdorf Jenfeld, Steilshoop u.a. In den hochgezogenen Hochhaussiedlungen gab es Anfang der 70iger Jahre keine sozialen Einrichtungen, vielleicht gerade einmal einen kleinen, überteuerten Supermarkt.

 

Wir „Group-Worker“ setzten uns also zusammen im Amt für Jugend, wo wir unter Lisel Werninger eine Abteilung bildeten und besprachen, welche Räume gebraucht wurden. Für eine Einrichtung von 2 Mitarbeitern sollte es ein bis zwei Gruppenräume mit Küche geben, ein Büro, Werkraum und Außenfläche. Leider gab es auch allzu oft die Variante, dass es nur einen Hauptamtlichen gab. Angeboten wurden uns z.B. Räume wie ein ausrangiertes Tramhäuschen, leergewordene Schulpavillons u.a.m., manchmal aber auch eine alte Villa.

 

Wenn sich der Schwerpunkt der Betreuung beim Gruppenkind zeigte, hatten wir Kindergruppen-Sozialarbeiter zunächst auch die Betreuung der Familienfürsorge zu leisten. Der von uns angestrebte Umgang mit den Eltern „auf gleicher Augenhöhe“ war dadurch manchmal in Frage gestellt. Wir hatten Kontakte zur Familienfürsorge, dem Sozialamt, der Schule, dem Arbeitsamt, der Jugendgerichtshilfe u.a. Das ging dann manchmal zu Lasten der Vernetzung im Bezirk, denn wir hatten ja außerdem noch unsere überregionalen AG,s mit unseren Diskussionen und der Fortschreibung der Gruppenarbeit innerhalb der Group-Worker, so gab es die Auseinandersetzungen über die Hauptprobleme im Bezirk und ihre Auswirkungen auf die Gruppe und wie wir diese angehen wollten. Damals wurde die soziale Struktur der Bezirke noch aufgebaut und wir empfanden uns als das notwendige Gegengewicht zur Einzelfallhilfe. Lisel Werninger unterstützte unser Vorgehen und wir erarbeiteten Papiere für die Durchsetzung von Forderungen für die Weiterentwicklung und den Bestand der SGA.

 

Ein hauptamtlicher Sozialarbeiter in der Kindergruppenarbeit hatte durchschnittlich 32 Kinder. Die Kinder waren meist in 4 Gruppen organisiert und trafen sich einmal wöchentlich. In der Jugendclubarbeit wurden 16 Jugendliche pro Hauptamtlichen betreut. Im JC trafen sich die Jugendlichen mehrmals wöchentlich, in festen Gruppen bzw. in ihrem Alter adäquaten offenen Abendtreffen und Interessensgruppen. In den Kindergruppen blieben die Kinder 2 Jahre in den Jugendclubs waren sie öfter über einen längeren Zeitraum.

 

Die SGA, ler konnte in den eigenen Räumen Beziehung, Vertrauen und Nähe schaffen. Gemeinsame Erlebnisse wie Kochen, Spiele, Diskussionen schufen ein gemeinsames Gruppengefühl. Vor allem auf unseren Reisen, auf denen wir 24 Stunden im gegenseitigen Kontakt waren, konnte eine sehr intensive Entwicklungsarbeit geleistet werden. Durch das Lernen in Lebenszusammenhängen wurden Fähigkeiten der Kinder gefördert, die ihnen entsprachen. Für uns selbst erarbeiteten wir „Diagnosepläne“. Diese hatten für uns die Bedeutung, uns selbst Klarheit zu verschaffen, wie dem einzelnen Kind geholfen werden konnte. Wir wollten alle „Stigmatisierung“ dazu gehörten natürlich auch  Migrationskinder die Gruppe, öfter ein Integrationsangebot.

Ab und an war für uns spürbar, dass Kleingruppen aus der Gruppenarbeit für Entspannung auf der Straße vor unserer Tür sorgten. Wir glaubten, dass die Gruppenarbeit als Methode, eine gute Möglichkeit für die Sozialarbeit sein könnte, Wir griffen aber auch andere Ansätze auf dem „sozialen Markt“ auf, wie z.B. „TZI“(Themenzentrierte Interaktion).

 

Es gab in den 70iger Jahren ca. 30 Mitarbeiter der Sozialen Gruppenarbeit in 15/16 Stadtteilen. Die Kinder und Jugendlichen kamen überwiegend aus prekären Lebenslagen.

Rückblickend kann man feststellen, dass es bei den meisten von ihnen gelungen ist, sie ihrer individuellen Lebenslage entsprechend zu stabilisieren und ein soziales Bewusstsein dahingehend zu entwickeln, miteinander stark sein zu können.

In vielen Fällen konnte dadurch eine sonst nicht zu verhindernde Fremdplazierung (meist Heimunterbringung) vermieden werden. Die Kinder und Jugendlichen konnten in der Gruppenarbeit eine eigene Identität entwickeln, ohne sich von der Herkunftsfamilie abgrenzen zu müssen.

Wir sind überzeugt, dass wir eine emanzipatorische Arbeit geleistet haben.

 

1979 wurde unsere Abteilungsleiterin Frau Werninger pensioniert. Ein Jahr später wurde unsere Dienststelle auf die sieben Hamburger Bezirksämter aufgeteilt. Unsere zentralen Zusammenkünfte als Gruppenarbeiter wurden damit beendet und wir wurden Mitarbeiter der Sozialen Dienste im Bezirk. Für eine Arbeit mit Gruppen scheint es uns aber notwendig, dass auch die Kolleginnen in Gruppen organisiert sind um sich fachlich austauschen können.

Die Dezentralisierung war auch der Beginn des schleichenden Abbaus dieser sehr wertvollen Arbeit. Heute gibt es nur noch 1 Stelle Gruppenarbeit in ganz Hamburg.